Diskussion

 

Bürgerhaushalt Wiesbaden: Mittelverwendung

Vom 1. bis 31. Juli 2009 fand in Wiesbaden die Konsultationsphase des ersten Bürgerhaushalt statt. Dabei konnten die Bürgerinnen und Bürger über 129 von den Ortsbeiräten vorgeschlagenen Projekte abstimmen, aber keine eigenen Vorschläge machen. Dieses Konzept wurde von Anfang an kritisch diskutiert. Lesen Sie dazu unseren Beitrag „Bürgerhaushalt Wiesbaden – reine Abstimmung ohne neue Ideen?“ >>>

Inzwischen hat die Stadt Wiesbaden zur Verwendung der Bürgerhaushalt-Mittel und zum Umgang mit den Ergebnissen folgendes veröffentlicht:

Trotz intensiver Werbung über öffentliche Veranstaltungen, Beiträge in Tagespresse und Fernsehen, Sonderbeilage Wiesbadener Kurier, Buswerbung, Flyer, Plakaten und Anzeigen in der Presse war die Beteiligung der Wiesbadenerinnen und Wiesbadener am Bürgerhaushalt sehr verhalten. Weniger als zwei Prozent der Einwohner haben über die Vorschläge ihres Stadtteils abgestimmt. Deshalb haben Stadtverordnetenversammlung und Finanzausschuss im März 2010 beschlossen, dass die für den Bürgerhaushalt veranschlagten Gelder in Höhe von einer Million Euro (jeweils in 2010 und 2011) den Schulen und 26 Ortsbeiräten zugute kommen. Damit sind die Finanzmittel der Ortsbeiräte so hoch wie noch nie.

Die Stadt Wiesbaden ist mit dem Verlauf des 2009 erstmals durchgeführten Bürgerhaushalts also wenig zufrieden. Und letztendlich wurde beschlossen den Ortbeiräten die Mittel, die für den Bürgerhaushalt vorgesehen waren, frei zur Verfügung zu stellen, ohne dass sie sich an die Voten der Bürgerinnen und Bürger halten müssen. Weiterhin wurden Kürzungen im Bereich der Schulen zurückgenommen und werden durch Bürgerhaushaltmittel finanziert.

Die Voten der Bürgerinnen und Bürger auf Grund von zu geringer Teilnahme im Nachhinein unberücksichtigt zu lassen, ist kritisch zu sehen. Zumal über das Internet oder per Post insgesamt 3234 Stimmabgaben registriert wurden – wenn diese 3234 Stimmen alle von unterschiedlichen Teilnehmern stammen, und so ist die Information der Stadt wohl zu verstehen, ist das im Vergleich zu anderen Bürgerhaushalten dieser Größenordnung gar keine so schlechte Zahl. Handelt es sich aber um Stimmabgaben und nicht um die Teilnehmerzahl, wäre diese Zahl in der Tat noch ausbaufähig. Für die Bürger, die sich beteiligt haben, ist diese Entwicklung sicherlich enttäuschend. Andererseits ist aller Anfang schwer und die Stadt Wiesbaden wird ihr Bürgerhaushaltkonzept für die Zukunft möglicherweise weiterentwickeln.

Informationen zum Bürgerhaushalt der Stadt Wiesbaden >>>

[mehr]

 

Gastbeitrag | Bürgerhaushalte zwischen Politik und Spielwiese

von Hilmar Sturm und Benno Trütken

sturm2 Trütken Wenn Bürger sich beteiligen oder beteiligt werden, fragen sie immer öfter: Was wird denn daraus? Oder sie sagen gleich mit skeptischem Blick: Ich mache mit, aber ich glaube nicht, dass wir da viel bewegen. Damit sprechen sie eine Frage an, die auch in einer Arbeitsgruppe der Internationalen Bürgerhaushalt-Tagung von InWent und bpb im Januar 2010 in Berlin diskutiert worden ist: Wie politisch ist der Bürgerhaushalt? Mit anderen Worten: Werden die Bürgerinnen und Bürger an wirklich relevanten Entscheidungen beteiligt?

Damit soll nicht behauptet werden, dass es das Ziel jedes Bürgerhaushaltes sein müsste, dass die Beteiligten »richtig politisch« mitreden. Dennoch wird zu manchem Bürgerhaushalts-Verfahren gefragt werden, ob sie eher als »Spielwiese« oder Ablenkung von den »eigentlichen« haushaltspolitischen Fragen eingesetzt werden. Entsprechende Fragen werden immer häufiger auch von Journalisten gestellt.

Stärken Bürgerhaushalte politisches Interesse und Systemvertrauen?
Erfreulich viele Kommunen arbeiten mit Bürgerhaushaltsverfahren. Die Beteiligten haben das gute und berechtigte Gefühl, ihre bürgerliche Pflicht getan zu haben; Politik und Verwaltung dürfen sich mit Recht für besonders offen und demokratisch halten. Aber gleichzeitig schrumpfen die Mitgliederzahlen von Parteien, haben sie oft Schwierigkeiten, ihre kommunalen Kandidatenlisten zu füllen, sinken die Wahlbeteiligungen und sinkt das Vertrauen in Parteien und Politiker immer weiter auf einen erschreckend niedrigen Stand. »Unpolitische« Bürgerhaushalts-Verfahren könnten diese Tendenzen verstärken, indem sie zum einen vom Kern der Politik ablenken (und dieser Kern ist im ganzen Haushaltsplan in Zahlen ausgedrückt und entschieden), und zum anderen indem sie ein Signal senden, dass Politik und Verwaltung über das »Eingemachte«, das große Ganze lieber selbst entscheiden. Wäre es ein Wunder, wenn auch interessierte Menschen sich abwendeten?

Bürgerhaushalte mit politischem Anspruch
Was heißt »politisch« oder »unpolitisch« (weniger politisch)? Politisch kann man einen Bürgerhaushalt dann nennen, wenn:

 – die Bürger Prioritäten für einen relevanten Teil oder für das Ganze des Kommunalbudgets setzen können (Haushaltsrelevanz) – und nicht nur über eine mehr oder weniger kleine »freie Spitze« mitbestimmen dürfen oder Anregungen zu einzelnen Posten vorbringen, was letztlich als unpolitisch zu bezeichnen ist;

 – die Prioritäten, Vorschläge und Empfehlungen der Bürger zumindest beantwortet, möglicherweise sogar weitgehend verwirklicht werden (Wirksamkeit und Reaktion) – wohlgemerkt: die Entscheidung bleibt beim verfassungs‑ und gesetzmäßig dazu bestellten Gemeinde‑ oder Stadtrat –, eher unpolitisch wären also Verfahren, bei denen Bürgervoten gesammelt, aber nicht systematisch beantwortet oder berücksichtigt werden;

 – Vorschläge diskutiert und systematisch gewichtet oder zur Abstimmung gestellt werden (Entscheidungscharakter) – unpolitischer sind Verfahren, bei denen Vorschläge eher gesammelt werden (»Vorschlagswesen«);

 – die Beteiligten, vor allem die Abstimmenden, eine angemessene Form der demokratischen Legitimation besitzen (etwa durch repräsentative Auswahl, beispielsweise durch Zufallsverfahren, oder als Vertreter bestimmter, möglicherweise bisher unterrepräsentierter Gruppen wie Minderheiten, oder auch in anderer Form – eher unpolitisch sind Verfahren nach dem Prinzip der Selbstauswahl (»wer möchte, macht mit«) oder bei denen es egal ist, wer teilnimmt, oder solche, an denen hauptsächlich Aktivbürger/innen mitwirken;

 – die Bürgerinnen und Bürger einen möglichst guten Durchblick bekommen, das heißt Informationen über den ganzen Haushaltsplan und auch über mittel‑ bis langfristige Pläne und Schätzungen (Transparenz) – eher unpolitisch wären daher Verfahren, bei denen vorwiegend zu einzelnen Haushaltsteilen informiert wird oder nur über ein Jahr und die Bürger/innen sich nur zu einzelnen Projekten oder einem kleineren freien Betrag Gedanken machen;

 – die Bürger/innen zumindest auch Sparentscheidungen mitzutreffen oder vorzubereiten haben, vielleicht sogar ohne Ausgabenspielraum (Realismus und Richtung) – eher unpolitisch sind Verfahren einzustufen, bei denen die Bürger/innen vom Sparzwang weitgehend unbehelligt bleiben.

Selbstverständlich sind diese Kriterien oder Indikatoren nicht abschließend gemeint. Wenn man ganz grob eine Unterscheidung zwischen eher politischen und eher apolitischen Verfahren treffen will, dann müssen nicht alle Eigenschaften zutreffen, damit ein Verfahren eingeordnet werden kann. Es lassen sich für alle Ausprägungen Beispiele in der Praxis finden. Zu den eher unpolitischen Bürgerhaushalten zählen auch diejenigen, bei denen sich die Beteiligung weitgehend auf die Information der Bürger beschränkt. Selbstverständlich tragen sie den Keim der Politisierung der Bürgerschaft in sich. Jedoch zeigen manche Erfahrungen, dass über ein »Vorschlagswesen« nicht hinausgekommen wird.

Spielwiesen oder Sparen als realistische Politik?

Gerade die Spar-Frage wird die Kommunen (und nicht nur sie) in den nächsten Jahren intensiv beschäftigen, und hier bietet der Bürgerhaushalt ein großes Potential: weil (a) die Bürger zum Sparen, also auch zum Verzichten grundsätzlich bereit sind, (b) nur sie selbst wissen, worauf konkret sie am ehesten zu verzichten bereit sind, und (ⅽ) bei guten Verfahren eine zusätzliche Legitimationsbasis für Sparmaßnahmen bieten, womit sie (ⅾ) die öffentliche Akzeptanz für harte Maßnahmen erleichtern. Wird also im Bürgerhaushalt eher gespart oder eher ausgegeben? Wenn es nur oder vor allem ums Ausgeben geht: Weckt und nährt man damit nicht Illusionen bei den Bürger/innen? Oder schleicht sich bei ihnen vielleicht sogar das Gefühl ein, es sei genügend Geld da, nur ihrer Kenntnis und ihrer Mitentscheidung entzogen?

Beispiele
Der klassische Bürgerhaushalt in Porto Alegre bedeutet vor allem: Bisher benachteiligte Gruppen in den Stadtteilen Porto Alegres melden ihre Bedürfnisse und Prioritäten an; entschieden wird in einem stadtweiten Austausch. Hier hat der Bürgerhaushalt von Beginn an einen halb politischen Charakter. Er kann und sollte immer politischer werden und damit die Menschen wieder näher an die Politik, an ihr Gemeinwesen, heranführen.

Nun nach Deutschland.
»Solingen spart« heißt das Bürgerhaushaltsverfahren in der Stadt in Nordrhein-Westfalen. Ziel war hier nicht die Priorisierung von Ausgaben, sondern von Sparvorschlägen – ein realistischer politischer Ansatz. Dennoch ist das Verfahren als eher unpolitisch einzustufen, denn die »Produktkritik« wurde von der Stadtverwaltung vorgenommen. Zudem wurde die strategische Ausrichtung »in drei strategischen Workshops des Verwaltungsvorstands, der städtischen Führungskräfte und der Ratsfraktionen« erarbeitet. Für die Bürgerinnen und Bürger blieb letztlich ein erweitertes Vorschlagswesen, wenig Einblick in und Mitentscheidung über Grundsatzfragen. Nur registrierte Bürger/innen konnten auch von der Verwaltung gemachte Vorschläge bewerten. Es wurden Teilnehmerdaten veröffentlicht und damit Transparenz über deren Repräsentativität hergestellt. Es zeigt sich, dass Männer etwas überrepräsentiert sind; Personen mit Hochschulabschluss machen einen relativ großen Anteil aus. Dennoch wurden auch Menschen mit Hauptschulabschluss erreicht. Soweit zu einer ersten Einordnung des Solinger Verfahrens. Ähnlich ist »Essen kriegt die Kurve« mit Bürgerhaushalt-Hilfe einzuordnen. Auch in Essen können die Bürger/innen einerseits Sparvorschläge von der Verwaltung bewerten und andererseits eigene vorbringen und diskutieren, ebenfalls online. (Die Selektivität von Online-Beteiligungen soll hier nicht diskutiert werden; sie ist aber auch für die Frage, wie politisch ein Bürgerhaushalt ist, relevant.)

Fazit
Bürgerhaushalte bewegen etwas – mal mehr, mal weniger. Es könnte mehr sein, wenn sie noch politischer würden, das heißt noch mehr Einfluss auf den politischen Rahmen hätten, auf die strategische Ausrichtung des Produkthaushaltes und darüber hinaus. Damit kommen wir aber gleich zur nächsten Herausforderung.

Wichtige Entscheidungen fallen nicht in der Kommune
Wenn die Kommunen kaum eigene Steuern haben, und wenn über große Teile der Ausgaben und Einnahmen in Landtagen und Bundestag beschlossen wird, müsste ein politischer Bürgerhaushalt auch diese Fragen behandeln: die Frage nach der föderalen Finanzverfassung. Ideen hierzu sind vorhanden, müssen aber an anderer Stelle diskutiert werden.

[mehr]

 

Westerstede: Angst vor dem Bürger?

In dem Beitrag der NWZ Online „Mehrheit sieht genug Transparenz“ heißt es:

Im Haushaltsausschuss haben CDU und FDP den von der SPD angestrebten Bürgerhaushalt abgelehnt. Jedes Ratsmitglied habe von den Wählern ein Mandat erhalten, deren Interessen zu vertreten. Daher gäbe es keinen Anlass, sie bei Einzelentscheidungen nochmals zu beteiligen. Größtmögliche Transparenz werde auch durch die gute Arbeit sehr vieler Vereine hergestellt.

Auch wenn wir nicht wirklich wissen, was die Politikerinnen und Politiker ins Feld geführt haben, um die Bürgerinnen und Bürger nicht mehr* als bisher an der kommunalen Haushaltsplanung zu beteiligen, so spiegelt diese Meldung der NWZ gut wider, wieviel Angst mancherorts vor dem Instrument Bürgerhaushalt in den Reihen der Politik (noch) herrscht. Oft ist es Angst vor Machtverlust. Dabei bieten Bürgerhaushalte ja gerade die Chance, über einen transparenten, geregelten und strukturierten Kommunikationsprozess, die Bürgerinnen und Bürger, und eben nicht nur die, die in Vereinen oder Initiativen gut organisiert sind, als Ideen‑ und Hinweisgeber, als Feedbackgeber und Prioritätensetzer einzubinden. Die Entscheidungen werden weiterhin durch den Rat gefällt und transparent gemacht. Bürgerhaushalte sind daher weder ein Sturm auf das Rathaus noch ein Kniefall vor dem Bürger oder ein Offenbarungseid, sondern vielmehr Ausdruck eines ausgeprägten Selbstbewusstseins aufseiten der Politik beziehungsweise der Institution Rat.

Zur Meldung der NWZ-Online >>>

*Wenn wir den deutschlandweiten Standard für Nicht-Bürgerhaushaltkommunen ansetzen, kann „bisher“ getrost mit „nicht erkennbar“ übersetzt werden.

[mehr]

 

72 Frequently Asked Questions about Participatory Budgeting

Die Veröffentlichung von UN-HABITAT, dem United Nations Human Settlements Programme, beschäftigt sich mit folgenden 72 Fragen zum Thema Bürgerhaushalt:

Ⅰ. General Questions
1. What is Participatory Budgeting (PB)?
2. When did Participatory Budgeting start?
3. How have the PB experiences been expanded?
4. How many cities have PB experience at this time?
5. Where has Participatory Budgeting taken place?
6. In what types of cities are Participatory Budgets implemented?
7. Is PB only implemented at the municipal level?
8. Are there regional differences in the form of implementation of the
Participatory Budget?
9. What are the benefits of the PB for the city and its citizens
10. What are the benefits of the PBfor local public administration?
11. Who benefits from the Participatory Budget?
12. What are the dimensions of the Participatory Budget?
13. Where can one find more information about the PB?

Ⅱ. Initiation and implementation of a Participatory Budget
14. Can any municipality implement a Participatory Budget?
15. What are the basic conditions necessary to implement a
Participatory Budget in a municipality?
16. In what conditions is it not advisable to undertake a PB?
17. What are the basic principles of the Participatory Budget?
18. How is a Participatory Budget put into practice?
19. What are the principal stages of a Participatory Budget?

Ⅲ. Financial Dimension
20. What percentage of the total municipal budget is submitted
for consideration in the Participatory Budget?
21. What proportion of the municipal investment budget is
placed under discussion?
22. Is there an optimal percentage of the municipal budget
that should be submitted for public discussion?
23. What is the origin of the resources placed under debate?
24. What is the impact of the Participatory Budget on fiscal
collection and municipal revenue?
25. Do all demands of the citizens result in public works and services?
26. How are the resources distributed within a city?
By sector? By region?
27. How are the budgeting criteria defined?
28. Where are PB decided, and who has the decision-making power?
29. Is the PB limited to planning short-term expenditures?
30. Is there more and better participation when the municipal resources
to be assigned are greater? In this sense, is having few resources
subject to discussion an obstacle or a conditioning factor?
31. Does the Participatory Budgeting process only discuss revenue
from municipality’s own sources?
32. Are there processes to ensure accountability in the PB?
33. How much does the process cost the municipality and how are
these costs covered?

Ⅳ. Participatory Dimension
Citizen Participation
34. Who participates in the Participatory Budget?
35. How many people participate in Participatory Budgets?
36. If participation is limited, doesn’t that take legitimacy away
from the process?
37. Where are decisions made during the process?
38. If the Participatory Budget Council – PBC – is the central player,
who makes up the PBC?
39. Can the delegates and councillors of the PB be re-elected?
Participatory Budget delegates be avoided?
40. How can the bureaucratisation or even corruption of the
Participatory Budget delegates be avoided?
41. What level of participation do women have?
42. Are there gender-sensitive Participatory Budgets?
43. How do the excluded and marginalised participate in the PB? Isn’t
there a risk of greater social exclusion for example in the case of
immigrants, undocumented workers or the homeless?
44. How can the participation of the poor, the excluded, and the
unorganized be facilitated?
45. Who oversees and monitors the execution of the budget and
the approved projects?
46. What is the role of NGOs, universities and professionals in
the Participatory Budget?
47. Is there volunteerism in the Participatory Budget?
What is its role?

Governmental Participation
48. What is the role of the local government throughout the process? 66
49. What is the underlying logic regarding the place of Participatory
Budgets in local governments?
50. Which is the municipal area or department responsible for
the process?
51. Does the Participatory Budget depend on only one unit of the
municipal administration?
52. What is the role of the legislative branch in the PB?
53. How does the municipality invite the population to participate in
the Participatory Budget?
54. What steps can the municipality take to encourage and mobilise
the community to participate in the PB process?
55. How does the Participatory Budget relate to other instruments
and mechanisms of citizen participation?
56. What are the main difficulties that municipal administrations face
in implementing a Participatory Budget?

Participation of the Private Sector
57. How can the private sector be integrated into the PB?
58. How can the informal or solidarity-based economy sectors
be integrated?

Ⅴ. Normative and Legal Dimension
59. How and when should the PB process be formalised and legalised?
60. What aspects of the PB should be inscribed in a legal framework?
61. Is it necessary for the Participatory Budget to be related to a
Development Plan (long-term, strategic or physical)?
62. How can the PB be tied to urban planning instruments?
63. Who makes the link between the long-term plans and the PB?
64. Are there evaluation mechanisms or systems for the PB?

Ⅵ. Territorial Dimension

65. How is the PB linked to municipal decentralisation?
66. Is there an optimal number of regions and/or sub-regions which
guarantees the proper functioning of the Participatory Budget?
67. Are there Participatory Budgets in rural areas?
68. Is the PB methodology similar in rural and urban areas?

Ⅶ. Final Questions
69. Is the Participatory Budget a proposal that emerges from certain
political parties? Do these parties have any particular leanings?
70. Is there a risk of considering the PB as a panacea? As the cure
for all ills?
71. Does the Participatory Budget reduce corruption?
72. How can the sustainability of the PB process be guaranteed?

Zur Veröffentlichung von UN-HABITAT >>>

[mehr]

 

Online-Umfrage zum Bürgerhaushalt Potsdam

bhh potsdam

In Potsdam werden die Bürgerinnen und Bürger in diesem Jahr bereits zum vierten Mal an der Haushaltsplanung beteiligt. Gegenwärtig (und noch bis zum 18. April) wird in Kooperation mit der Universität Potsdam eine Umfrage zum Bürgerhaushalt durchgeführt. An der Umfrage kann online auf den Seiten des Bürgerhaushalts ohne vorherige Registrierung teilgenommen werden.

Zur Umfrage >>>

Die Märkische Allgemeine berichet:

Um das Potsdamer Bürgerhaushaltsverfahren auch zukünftig erfolgreich zu gestalten, hat die Stadt Potsdam in Zusammenarbeit mit der Universität Potsdam ein Fragenkatalog erarbeitet. Dieser ist in der Zeit vom 29. März bis 18. April 2010 unter www.potsdam.de/buergerhaushalt abrufbar. Diese beinhaltet neun Fragen zum Potsdamer Beteiligungsverfahren.

Dabei können Wünsche und eigene Vorstellungen zur Verbesserung des Projekts abgegeben werden. Die Auswertung erfolgt im Rahmen einer Projektarbeit durch Studierende der Universität Potsdam. Erste Ergebnisse sollen bereits im Rahmen der Auftaktveranstaltung, die für den 4. Mai 2010 geplant ist, veröffentlicht werden.

Zum Artikel der Märkischen Allgemeinen >>>

[mehr]

 

Pressespiegel | Bürgerhaushalt in Diskussion

Immer mehr Kommunen – Großstädte genauso wie Klein‑ und Mittelstädte – diskutieren in Zeiten knapper Kassen den Bürgerhaushalt:

Elsdorf im Rhein-Erft-Kreis (ca. 21 000 Einwohner):

„Wir möchten die Bürger unserer Gemeinde noch mehr in politische Entscheidungen vor Ort, insbesondere bei den Haushaltsberatungen einbinden“, erklärt Andreas Heller, Vorsitzender der CDU-Fraktion im Elsdorfer Gemeinderat. Deswegen hat die CDU beantragt, einen Bürgerhaushalt in Elsdorf erstmals für das Jahr 2011 einzuführen.
Zur Seite der CDU Elsdorf >>>

Spiesen-Elversberg im Saarland (ca. 14 000 Einwohner):

Der Vorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen in Spiesen-Elversberg, Patrick Andres, hat eine verstärkte Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger bei der Aufstellung des kommunalen Haushalts gefordert. Nicht nur die gewählten Politiker, sondern auch die Bürger selbst sollten mitbestimmen, wofür die Steuergelder ausgegeben würden. Das Internet biete die entsprechende Plattform für diese Art der Bürgerbeteiligung.
Zur Seite der Grünen in Spiesen-Elversberg >>>

OB-Kandidatin Kathi Petersen in Schweinfurt (Unterfranken, ca. 53 500 Einwohner):

Wie kann man das in der Praxis ändern? Stadtteilarbeit und Bürgerhaushalt nennt sie als Beispiele. Dabei sollen die Schweinfurter gefragt werden, was ihnen wichtig ist. Per Internet zum Beispiel, wie das die Stadt Köln bereits praktiziere. Viele möchten sich gerne in die Politik einmischen, so Petersens Erfahrung: „Doch sie haben das Gefühl, dass ihre Meinung keinen interessiert.“
Zum Artikel der MainPost >>>

Linksfraktion in Bochum, NRW, ca. 380 000 Einwohner:

„Und schließlich erinnern wir die Verwaltung daran, dass der Rat bereits 2005 beschlossen hat, dass die Verwaltung Vorschläge für einen Einstieg in Richtung Bürgerhaushalt macht. Hier erwarten wir nun die Umsetzung des Beschlusses.“
Zum Artikel von Bo-alternativ.de >>>

Bad Zwischenahn, Niedersachsen, ca. 27 000 Einwohner:

Für die nächste Sitzung des Ausschusses für Wirtschaft, Finanzen und Fremdenverkehr den Tagesordnungspunkt hat die SPD im Rat die „Aufstellung eines Bürgerhaushaltes“ beantragt.
Zur Seite der SPD >>>

In unserer Karte haben alle Kommunen den Status „D“ wie Diskussion erhalten. „D“ = Diskussion: Die Einführung eines Bürgerhaushaltes wird in der Kommune diskutiert. Der Bürgerhaushalt wird z.B. von einer Partei oder einer nicht-staatlichen Organisation eingefordert. Die Einführung ist oft umstritten. Ein Ratsbeschluss zur Einführung liegt nicht vor.

[mehr]

 

Gender-Fragen im Bürgerhaushalt – Neue Perspektiven für das kommunale Finanzmanagement

von Elisabeth Stiefel

Der Bürgerhaushalt
Bürger‑ bzw. Beteiligungshaushalte laden die Wohnbevölkerung zur Mitentscheidung über das Finanzmanagement ihres Gemeinwesens ein. Als Instrument direkter Demokratie geben sie auch solchen Gruppen eine Stimme, die es schwer haben, sich in repräsentativen demokratischen Verfahren Gehör zu verschaffen. Lebenslagen, die von der gesellschaftlichen Normalität. abweichen, bleiben in repräsentativen Strukturen auch dann sperrig, wenn es um die Gestaltung des gesellschaftlichen Wandels geht.

Innovative Verfahren wie der Bürgerhaushalt tragen dagegen der Vielfalt moderner Bedarfs‑ und Lebenslagen Rechnung. Sie bringen Fragen auf die Tagesordnung, die zuvor nicht gestellt wurden oder lediglich als Anliegen von Minderheiten galten. Diese Sicht hat weit reichende Konsequenzen für den Umgang mit Ressourcen. Sie bildet ein Gegengewicht zu einem Finanzmanagement, das sich vorrangig an betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten und damit an der Bilanzierung von Input und Output, von Aufwand und Erträgen orientiert. Bürgerhaushalte unterstützen das Leitbild der Bürgergesellschaft und ihren Anspruch, den Potenzialen und Bedürfnissen aller Bevölkerungsgruppen Raum zu geben.

Grundsätzliche Überlegungen, die im Rahmen der Etablierung von Bürgerhaushalten auf ein neues Verhältnis des Gemeinwesens und seinen Mitgliedern verweisen, kommen bisher vor allem aus Ländern des Südens, gelten jedoch auch für Kommunen in der sog. alten Welt. Das Recht zur Mitgestaltung öffentlicher Finanzen verleiht BürgerInnen einen Status, der über die reine Nutzung kommunaler Dienstleistungen hinaus weist. Die Individuen sind nicht länger nur Kunden oder gar Klienten, sondern übernehmen Mitverantwortung für das Wohlergehen der Gemeinschaft. Damit erweitern sie das Spektrum der Ressourcen für eine zukunftsfähige Stadtpolitik.

Das Gender Budget
In der EU gilt das Gender Budget als Instrument von Gender Mainstreaming. Gender Budgeting wird als Anwendung von GM auf öffentliche Haushalte gesehen. Im Gegensatz zu Gender Mainstreaming ist die Einführung von Gender Budgeting nicht verpflichtend. Öffentliche Haushalte sollen sich jedoch bis 2015 grundsätzlich eine Geschlechterperspektive zu Eigen machen.

GM und damit auch GB haben das Ziel, die Gleichberechtigung von Frauen und Männern, die Bestandteil aller demokratischen Verfassungen ist, durch strukturelle Veränderungen und konkrete Maßnahmen in reale Gleichstellung zu überführen. Aktionsraum für diese Strategie sind alle Bereiche politischen Handelns, die für die Lebenslage der Individuen Bedeutung haben.

Bürgerbeteiligung auf dem Weg in eine lebensfreundliche Stadtgestaltung
Um Gemeinsamkeiten und Widersprüche der neuen Prinzipien öffentlicher Haushaltsführung zu entdecken, bedarf es tiefer schürfender Recherche. Der Gewinn für den öffentlichen Umgang mit öffentlichem Geld ist an die Bedingung gebunden, dass diejenigen Probleme erkannt und benannt werden, für die neue Lösungen gesucht werden müssen.

Unabhängig von den konkreten Zielen eines Bürgerhaushalts geht es zunächst darum, auch diejenigen zur Beteiligung zu motivieren, deren gleichwertige Lebens‑ und Entwicklungschancen gesichert werden sollen. Nur sie können beschreiben, was sie an einer Lebensführung hindert, die sie als befriedigend empfinden. Die gleichzeitig sach‑ und personengebundene Problematik lässt sich an einer Vielfalt von Beispielen demonstrieren. Ein unzureichend ausgebauter Nahverkehr beeinträchtigt z.B. andere Bevölkerungsgruppen als der fehlende Kindergarten oder die Schließung eines Jugendzentrums, wenn Personalkosten eingespart werden müssen.

Im Auftrag der Weltbank hat 2007 eine Expertengruppe die Haushaltsführung von Puerto Alegre unter die Lupe genommen, die auch nach fast 20jähriger Praxis noch immer als Prototyp der Bürgerbeteiligung an der kommunalen Haushaltsplanung gilt. Die Untersuchung bestätigte der brasilianischen Hauptstadt Erfolg bei der wirtschaftlichen Entwicklung unterprivilegierter Stadtquartiere. Gleichzeitig machte sie auf eine Problematik aufmerksam, die für alle Bürgerhaushalte Bedeutung besitzt.

Instrument von Armutsbekämpfung und Bürgermitwirkung in Puerto Alegre war von jeher der kommunale Investitionshaushalt und damit die bauliche Infrastruktur. Es ging um die Ausstattung mit Wasserversorgung und Entwässerung, um die Einrichtung von Gewerbegebieten, um den Bau von Krankenhäusern und Kindergärten. Doch der globale gesellschaftliche Wandel in Richtung einer Ökonomie der Dienstleistung schafft neue Armutsrisiken und damit auch neue Herausforderungen für die kommunale Haushaltsplanung. Die Studie hat nachgewiesen, dass Puerto Alegre nicht erfolgreicher ist als andere Städte, wenn es um die Handhabung der laufenden Kosten geht. Der Erhalt und erfolgreiche Ausbau der sozialen neben der baulichen Infrastruktur braucht Sichtweisen, die sich aus der bisherigen Praxis des Bürgerhaushalts nicht ableiten lassen.

Eine verlässliche Gesundheitsversorgung ist etwas anderes als der Bau eines Krankenhauses, und Investitionen in Bildung und Erziehung lassen sich mit dem herkömmlichen Verständnis von Investition nicht bewältigen. Auch die üblichen Sparappelle greifen ins Leere, wenn es um die zukunftsfähige Neuorientierung öffentlicher Haushalte geht. Die derzeitige Finanz‑ und Wirtschaftskrise hat einmal mehr gezeigt, dass Mainstream‑Ökonomen ratlos sind, wenn ihr Denkgebäude Risse zeigt. Gleichzeitig bezweifelt niemand, dass die Linderung der Nöte öffentlicher Daseinsvorsorge ohne strukturelle Reformen eine Utopie bleiben wird. Sparmaßnahmen zu Lasten von Lebensqualität und Chancengerechtigkeit in der Gegenwart beeinträchtigen die Wohlfahrt künftiger Generationen nicht weniger als ein stetig wachsender Schuldenberg, der irgendwann einmal abgetragen werden muss.

Sensibilität für Gender-Fragen eröffnet neue Sichtweisen
In deutschen Bürgerhaushalten haben Frauen – wenn überhaupt – bisher in erster Linie als Zielgruppe Aufmerksamkeit erregt. Sie stehen im Ruf, sich vor allem an niederschwelligen Verfahren zu beteiligen. Beliebt ist der Verweis auf die online-Befragung zum Hamburger Haushalt im Mai 2006, bei der nur 15 Prozent der Voten von Frauen stammten. Die eingesammelten Sparvorschläge repräsentierten folgerichtig eher männliche Präferenzen. Gekürzt werden sollte vor allem in den Bereichen Kultur, Soziales und Familie.

Obwohl Gender-Fragen nicht im Mittelpunkt der erwähnten Studie zum Bürgerhaushalt in Porto Alegre stehen, bieten einige Informationen Brücken zum Weiterdenken. Bekannt ist, dass Frauen, ohne als irgendwie benachteiligte Zielgruppe beworben worden zu sein, in den Versammlungen von Anfang an gleichgewichtig das Wort ergriffen. Sie taten sich vor allem in denjenigen Bereichen hervor, die ihrem privaten und beruflichen Alltag am nächsten waren (Arbeitsgruppen zum Thema Gesundheit bestanden z.B. zu ⅘ aus Frauen). Zum ersten Mal überstieg 2005 die Anzahl der insgesamt am Bürgerhaushalt teilnehmenden Frauen die der Männer. Interessant ist vor allem, dass sie auch in den zeitaufwändigeren Beratungsgremien die Mehrheit übernahmen. In den Focus traten vor allem Frauen ohne Männer (unverheiratet, geschieden, allein erziehend, verwitwet).

Die AutorInnen der Studie halten es für erwähnenswert, dass Gender-Fragen im Bürgerhaushalt von Puerto Alegre offiziell niemals eine Rolle spielten. Demnach waren es ‚private’ Impulse, die Frauen dazu motivierten, in wachsendem Ausmaß Verantwortung zu übernehmen. Solche Befunde decken sich mit Erfahrungen aus anderen Regionen und Kulturen. Überall dort, wo es um ‚Well-Being’, ⅾ.h. um Lebensqualität, Versorgung, personennahe Dienstleistung und sozialen Zusammenhalt geht, melden sich Frauen öffentlich zu Wort. Auch die Hamburgerinnen machen hier keine Ausnahme. Mit einem Anteil von 60 Prozent stellten sie 2005 die Mehrheit derer, die im Rahmen einer Online-Befragung zum Thema ‚Familienfreundlicher Wohnort Hamburg’ kreative Vorschläge einreichten.

Frauen markieren die Bruchstellen des globalen Gütermarkts
Es wäre töricht, Gräben zwischen Frauen und Männern auszuheben, wo es um Wege aus den Krisen der Gegenwart geht. Entgegen der verbreiteten Meinung, Gender Mainstreaming sei eine gegen Männer gerichtete Strategie, schlägt das Gender Budget Schneisen in das Geflecht einer Ökonomie, deren Parameter sich vorrangig am Wachstum von materiellem Wohlstand orientieren.

Die jüngsten Befunde zum Bürgerhaushalt in Puerto Alegre kennzeichnen eine Entwicklung, bei der es um die Sicherung des Gemeinwohls unter veränderten Bedingungen geht. Frauen repräsentieren dabei die weißen Flecken in der Topografie des ökonomischen Theoriehorizonts, der über viele Jahrhunderte im patriarchalen Ernährerhaushalt verwurzelt war. Die Versorgung von Kindern und Alten im Haushaltsinneren oblag den weiblichen Familienmitgliedern, ohne dass ihrer Tätigkeit Arbeitscharakter zukam. Unter diesen Umständen ist es bis heute nicht gelungen, die Bedeutung des personennahen Bereichs für die Marktökonomie zufriedenstellend darzulegen.

Unter den Voraussetzungen des 21. Jahrhunderts wollen und müssen Frauen eigenes Einkommen erzielen, das oft gleichzeitig Grundlage des Familieneinkommens ist. Sowohl die Arbeitsmärkte als auch die Orientierungen und Fähigkeiten von Männern und Frauen sind jedoch noch immer den alten Strukturen verhaftet. Die Friktionen, die daraus entstehen, müssen von allen, gegenwärtig jedoch vor allem von Frauen und Kindern bewältigt werden.

In keinem anderen Projekt der Moderne wird die Verschränkung zwischen dem steigenden Bedarf an personenbezogenen Diensten, den Lebenschancen von Familien und innovativen Konzepten öffentlichen Wirtschaftens sichtbarer als im Bürgerhaushalt des 21. Jahrhunderts. Dienstleistungen, die nicht unbezahlt erbracht werden, leiden an der sog. Kostenkrankheit, weil sich ihre Arbeitsproduktivität im Vergleich zu Marktgütern wenig steigern lässt. Wo immer gespart werden muss, ist die Versuchung groß, personennahe Dienste dem Rotstift auszuliefern, weil sie zu teuer erscheinen und ihre Erträge nicht kalkulierbar sind.

Aus diesem Grund ist es unabdingbar, Gender-bezogene Fragestellungen in die Konzeption und Auswertung von Bürgerhaushalten einzubeziehen. Kommunale ‚Konsumausgaben’ geraten schneller ins Visier von Sparbeschlüssen als Investitionen in prestigeträchtige Bauten oder Gewerbegebiete. Es wird nicht immer gesehen, dass es dabei auch um Arbeitsplätze von Frauen und Männern geht und um die Sicherung von Versorgungsstrukturen innerhalb und außerhalb der Familien.

Die Expertengruppen des Europarats, die über Gender Mainstreaming und Gender Budgeting nachgedacht haben, waren sich der Reichweite ihrer Konzepte bewusst. Sie zweifelten nicht daran, dass es nicht nur um die Korrektur von Unebenheiten im Geschlechterverhältnis ging, sondern um die Anpassung der Wirtschaftsweise des Industriezeitalters an neue Herausforderungen.

Denkstrukturen und Verfahrensweisen, deren Tauglichkeit für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Ordnung bisher nicht infrage standen, müssen angepasst werden, wenn für die Probleme des 21. Jahrhunderts konstruktive Lösungen gefunden werden sollen.

Zur Autorin
Dr. Elisabeth Stiefel ist Mitglied im Beirat Bürgerhaushalt der Stadt Köln in enger Abstimmung mit der FrauenForum der KölnAgenda und dem Arbeitkreis Kölner Frauenvereinigungen (AKF). Im Rahmen verschiedener Netzwerke der Feministischen Ökonomie engagiert sie sich in der Diskussion zur geschlechtergerechten Gestaltung öffentlicher Haushalte (Gender Budgeting).

[mehr]

 

Parteien setzen bei Spardebatte auf Bürgerhaushalt

Ein Beitrag aus dem Online-Portal DerWESTEN berichtet über die Einführung eines Bürgerhaushalte in Essen. Im Vordergrund steht in Essen ausschließlich: das Sparen. So heißt es in dem Beitrag „Parteien setzen bei Spardebatte auf Bürgerhaushalt“ von Tobias Blasius vom 22.12.2009 unter anderem:

Es ist kein gewöhnlicher Etat, der da in Vorbereitung ist. Mit dem nächsten Haushalt, über den im Frühjahr der Stadtrat zu befinden hat, will der neue Oberbürgermeister Reinhard Paß (SPD) einen drastischen Sparkurs einleiten, um die vollkommene Überschuldung Essens noch abzuwenden.

Das Sparziel ist bereits formuliert. Um knapp 127 Millionen Euro sollen die Haushaltsansätze des „Konzerns Stadt“, wie Rathaus und Stadttöchter sich nennen, gekürzt werden. Allein 100 Millionen Euro müssen in der Kernverwaltung gespart werden. Der mit 86 Millionen Euro größte Streichposten ist für den größten Verwaltungsbereich Soziales, Bildung, Jugend von Dezernent Peter Renzel (CDU) vorgesehen. Nur verantwortet dieser auch die meisten gesetzlichen Pflichtausgaben, an denen selbst eine resolute Sparpolitik nicht vorbeikommt.

OB Paß und der neue Kämmerer Lars-Martin Klieve (CDU) haben deshalb die Losung ausgegeben, dass das Einsparziel nicht verhandelbar sei, der Weg dorthin aber sehr wohl.

Lesen Sie hier den gesamten Beitrag aus DERWESTEN >>>

Der Bürgerhaushalt wird zunehmend – dafür steht neben Essen auch die Stadt Solingen – als ein Instrument verstanden, die Bürgerinnen und Bürger beim Sparen als Ratgeber und Pritoritätensetzer einzubeziehen. Man will die Scheere also nicht ohne das Feedback der Bürgerinnen und Bürger ansetzen. Es wird daher spannend sein, wie sich dadurch das Instrument Bürgerhaushalt in all seiner Vielfalt weiter entwickeln wird, wie genau diese „Spar-Bürgerhaushalte“, die von Kämmerer Ralf Weeke und dem Oberbürgermeister Norbert Feith (beide Stadt Solingen) auch als „bürgerbeteiligte Haushaltssicherung“ bezeichnet werden, ausgestaltet werden. Zum anderen wird zu beobachten sein, wie diese Form der Bürgerbeteiligung bei den Bürgerinnen und Bürgern ankommen wird. „Ausgerechnet beim Sparen sollen wir beteiligt werden?“ ist die eine Seite, die andere, das viele Wissen, dass es zum Sparen kaum Alternativen gibt, zumal die Schuldenproblematik nicht nur in den Rathäusern, sondern auch durch strukturelle Probleme zu verantworten sind, die sich dem direkten Einflussbereich der Kommunalpolitik entziehen.

[mehr]

 

Wuppertaler Kompetenznetzwerk Bürgerhaushalt: „Nicht der Staat oder der Markt, sondern die Menschen vor Ort finden oft die besten Lösungen“

Die Westdeutsche Zeitung berichtet aktuell über eine Veranstaltung der Ideenwerkstatt Wuppertal am 30.11.2009 zur Gründung des neuen Kompetenznetzwerks Bürgerhaushalt:

Bis zum Hals, wenn nicht höher – der Wasserstandsbericht für den Wuppertaler Haushalt klingt bedrohlich, aber nicht neu. Neu hingegen ist, dass Wuppertaler Bürger die Lage ernst genug nehmen, um über Eigeninitiativen nachzudenken. Nachdem Mitte November ein „Kompetenznetz Bürgerhaushalt“ gegründet worden war, ging der Interessentenkreis jetzt in der Färberei in eine zweite Runde.

Zur Website des Kompetenznetzwerkes Bürgerhaushalt Wuppertal >>>

Wie die Ideenwerkstatt Wuppertal informiert, möchte das Kompetenznetzwerk Bürgerhaushalt sich für eine aktive Teilnahme der Bürger an den Haushaltsdiskussionen einsetzen.

Am 30.11. stellte sich die Initiative mit einer Veranstaltung an der ca. 150 Bürger teilnahmen, den Bürgern Wuppertals vor. Hintergrund: Am 16.11. wurde das Kompetenznetz Bürgerhaushalt gegründet. Die Initiatoren haben sich vorgenommen, die Wuppertaler zukünftig aktiver an den Haushaltsdiskussionen und –entscheidungen teilhaben zu lassen.

Vorbilder für einen Bürgerhaushalt gibt es seit 20 Jahren national und international. Das Kompetenznetz Bürgerhaushalt wird gemeinsam mit interessierten Bürgern, Organisationen, der Verwaltung und den Parteien produktive und innovative Beteiligungsverfahren entwickeln, die den demokratischen Prozess stärken und der Zivilgesellschaft neue Handlungsspielräume eröffnen.

Zum Artikel der Westdeutschen Zeitung >>>

Zum Programm der Veranstaltung auf Bewegung.taz.de >>>

[mehr]

 

Köln: Weniger Vorschläge, mehr Diskussion, bislang 2.500 Nutzer/innen

Meldung von KölnAgenda vom 1.12.2009
http://www.koeln-agenda.de

Halbzeitvergleich: Weniger Vorschläge, mehr Diskussion, bislang 2.500 Nutzer/innen
Beim zweiten Kölner Bürgerhaushalt werden deutlich weniger Vorschläge gemacht, als noch vor zwei Jahren. Während damals in den ersten 14 Tagen 2.500 Vorschläge auf der Beteiligungsplattform eingestellt wurden, sind es diesmal „nur“ 780 Vorschläge (1.12.09, 15:30 Uhr). Zugleich werden die Vorschläge intensiver diskutiert, das Verhältnis Kommentar/Vorschlag nähert sich dem Faktor 3.

Die Anzahl der registrierten Nutzer/innen ist hingegen nach zwei Wochen ähnlich hoch wie beim ersten Bürgerhaushalt (heute 2.500, damals 2.750), die Zahl der Bewertungen liegt bei knapp 60 % (heute 11.000 damals 19.000). Hinsichtlich der Beteiligungsintensität hat sich der Bürgerhaushalt 2010 damit besser behauptet, als dies der heutige Bericht im KStA vermuten läßt (Lokales, S.24 „Bürgerhaushalt läuft nur schleppend an) zumal über den ersten Bürgerhaushalt noch täglich im KStA mit einem ausgesuchten Vorschlag berichtet wurde und das übergroße Haushaltsloch als Motivationsbremse gehandelt wird.

TOP-Thema ist die Bezahlung von freiberufliche Dozenten an der Rheinischen Musikschule (171 Prostimmen) und der Volkshochschule (136 Prostimmen). Der meist diskutierte Vorschlag (46 Kommentare) heißt „Bürgerhaushalt abschaffen“. Eine klare Mehrheit ist zwar dagegen, aber 20 Prostimmen zeigen, dass die Akzeptanz des Bürgerhaushalt kein Selbstläufer ist und die Stadt insbesondere bei der Rechenschaftslegung in Zukunft mehr tun muss.

Das meiste Interesse wird dem Thema Umweltschutz entgegen gebracht, hier werden die meisten Vorschläge gemacht und diese in Ihrer Vielzahl auch deutlich häufiger bewertet (Vergleiche Top 80–100 bei Schule/Bildung bzw. Umweltschutz). Einmal mehr ist hier der Verkehr das dominierende Thema, gefolgt von Grün, Sauberkeit und Energieeinsparung. (siehe Schlagwortliste www.stadt-koeln.de/1/stadtfinanzen/buergerhaushalt/).

Damit ergibt sich ein ähnliches Bild, wie beim Weihnachtsmarktstand von KölnAgenda/Querwaldein auf dem Roncalliplatz. Bei der Frage, wo die Besucher/innen in Zukunft etwas fürs Klima tun könnten, entschied sich eine klare Mehrheit für den Verkehr.

Quelle >>>

[mehr]

 

GAL will Bürgerhaushalt für Sulz am Neckar

Mit Sulz am Neckar erhält eine weitere Kommune den Status „D“ – Bürgerhaushalt in Diskussion – und wird in die Karte aufgenommen (“D“ = Diskussion: Die Einführung eines Bürgerhaushaltes wird in der Kommune diskutiert. Der Bürgerhaushalt wird z.B. von einer Partei oder einer nicht-staatlichen Organisation eingefordert. Die Einführung ist oft umstritten. Ein Ratsbeschluss zur Einführung liegt nicht vor.)

Südwest Presse Neckar-Chronik.de berichtet: Die Sulzer Grünen setzen auf mehr Bürgerbeteiligung in der Kommunalpolitik. Auch bei den Finanzen. Drum wollen GAL-Stadträtin Heidi Kuhring und die Ihren einen Bürgerhaushalt einführen.

Ein Bürgerhaushalt erfordere freilich auch einen dauerhaft intensiveren Austausch der Gemeinderatsfraktionen mit den Bürgern. Nicht nur im Wahlkampf, so Kuhring. „Mir ist klar, bis wir hier einen Bürgerhaushalt kriegen, müssen wir noch viele dicke Bretter bohren“, so Kuhring, die sich aber auch ansonsten mehr Bürgernähe wünscht: „Die klassischen Instrumente der Bürgerbeteiligung, wie etwa Bürgerversammlung, werden bei uns in Sulz sehr, sehr selten angewandt“, so die GAL-Stadträtin.

Zum vollständigen Artikel bei Neckar-Chronik.de >>>

[mehr]

 

Wiesbaden: kritische Diskussion um den Bürgerhaushalt geht weiter

Die Allgemeine Zeitung berichtet aktuell über kritische Stimmen zum Bürgerhaushalt aus dem Ortsteil Kostheim:

Kritisiert haben Ortsbeiratsmitglieder das vom Stadtparlament beschlossene Projekt Bürgerhaushalt, an dem sich im Sommer nur wenige Einwohner beteiligt hatten. Er fühle sich mit seinen Vorbehalten bestätigt, sagte Ortsvorsteher Karl-Herbert Müller (FWG). Die Umsetzung sei mangelhaft gewesen, der Stadt sei es nicht gelungen, die Bevölkerung zu aktivieren, fügte Peter Stuppert (AUF) an.

Zum Artikel der Allgemeinen Zeitung >>>

Lesen Sie auch unsere zuvor erschienen Artikel zum
Bürgerhaushalt Wiesbaden >>>

[mehr]

 

Grußwort von Dr. Wolfgang Schäuble

Demokratie braucht Bürgerbeteiligung, Meinungsaustausch und transparente Entscheidungsprozesse. Sie sind das beste Mittel gegen Politikmüdigkeit und Politikverdrossenheit. Deshalb unterstützt die Bundesregierung gute Angebote, die den konstruktiven, zielorientierten Dialog zwischen staatlichen Institutionen und den Bürgerinnen und Bürgern fördern.

Zu solchen Angeboten zählen auf kommunaler Ebene die Bürgerhaushalte. Es gibt sie in Deutschland erst seit einigen Jahren. Aufgrund der bisherigen Erfahrungen können wir sagen: Das Verfahren hat sich bewährt.

Beim Bürgerhaushalt können sich Bürgerinnen und Bürger aller Altersgruppen und Interessenlagen beteiligen. Vielfalt der Meinungen und Ideen ist erwünscht. Moderne Abstimmungsverfahren via Internet machen politische Mitwirkung einfacher und attraktiver, auch für diejenigen, die sich schwer tun mit den traditionellen Verfahren in der kommunalen Selbstverwaltung.

Gerade in Zeiten knapper öffentlicher Kassen und angesichts von Finanz‑ und Wirtschaftskrise ist es gut, wenn Menschen wissen und auch im konkreten Fall mitbestimmen, wofür ihre Steuergelder ausgegeben werden. Die Chance liegt in einem Zugewinn an Transparenz und Gestaltungskraft und, darauf aufbauend, in einer Stärkung des Vertrauens der Bürger in Politik und Verwaltung. Beide Seiten lernen voneinander, die Qualität und auch die Akzeptanz von Entscheidungen wachsen.

Die Internetseite www.buergerhaushalt.de bietet vielfältige Informationen und Erfahrungsberichte, Wissenswertes aus Theorie und Praxis. Ich wünsche all denen, die hier fündig werden und sich in ihrer Kommune für Bürgerhaushalte stark machen wollen, viel Erfolg.

Dr. Wolfgang Schäuble MdB
Bundesminister des Innern



Hier finden Sie das Grußwort des Bundesinnenministers als PDF zum Download >>>

[mehr]

 

Gastbeitrag | Mehr Geschlechtergerechtigkeit durch Bürgerhaushalte?

Dr. Elisabeth Stiefelvon Dr. Elisabeth Stiefel

Geschlechterverhältnisse im Wandel
Das Wort Gerechtigkeit ist in Mode gekommen, wenn es darum geht, die Geschlechterverhältnisse zu modernisieren. Doch selbst in ökonomisch relevanten Zusammenhängen offenbart der Begriff nicht ohne weiteres, was darunter zu verstehen ist. Gerade diejenigen, die Chancengleichheit von Frauen und Männern für selbstverständlich halten, tendieren oft zur unbedachten Gleichsetzung von Geschlechtergerechtigkeit öffentlicher Haushaltsführung mit einer Fifty-fifty-Zuordnung öffentlicher Gelder.

Solche Meinungen zeigen, dass die Verflochtenheit der Lebenslagen von Frauen, Männern und Familien in die Geschicke der Marktökonomie bisher nicht zur Kenntnis genommen wurde. Die herkömmliche ‚geschlechtsneutrale’ Betrachtungsweise fußte auf der Annahme normierter Geschlechterverhältnisse auf der Folie des traditionellen, von einem Mann unterhaltenen Familienhaushalts. Man hielt es für ausreichend, den Mann in seiner Eigenschaft als Haushaltsvorstand zu betrachten. Frauen und Kinder waren Haushaltsmitglieder und als solche immer mitgemeint.

Diese Haushaltsform hat als sog. Keimzelle, ⅾ.h. als kleinste ökonomische Einheit die Strukturen unseres Wirtschafts‑ und Sozialsystems geprägt. In der Realität ist sie jedoch lange überholt. Längst wird erwartet, dass jede® Erwachsene für sich selber sorgt. Mit der fortschreitenden Individualisierung von Frauen und Männern vollzieht sich eine tief greifende Ausdifferenzierung von Haushaltsformen, die von einer Verschiebung von Ressourcen und Aufgaben begleitet wird. Zeitpotenzial und Kompetenz der Haushalte für eigene Versorgungsleistungen haben abgenommen, Frauenfamilien mit Kindern beklagen darüber hinaus einen Mangel an verfügbarem Einkommen. Karge Frauenlöhne, private Unterhalts‑ und öffentliche Transferzahlungen können das Verschwinden traditioneller Sicherheiten nicht kompensieren. Im überkommenen Gerechtigkeitsdiskurs eröffnet die Geschlechterfrage eine neue Dimension.

Geschlechterverhältnisse und kommunale Daseinsvorsorge beeinflussen sich gegenseitig. Deshalb bedarf es geschärfter Aufmerksamkeit für einen Trend, der sich weiter verstärken wird. Der Orientierung öffentlicher Haushaltsführung am Wandel der Lebenslagen von Frauen und Männern kommt dabei eine Bedeutung zu, die über zeitlich bemessene Lösungsansätze für besondere Problemlagen hinaus reicht. Sie ist ein Meilenstein in der Anpassung überholter Strukturen an die wirtschaftliche Vereinzelung der Bürgerinnen und Bürger im Gefolge des ökonomischen und sozialen Wandels.

Potenziale des Bürgerhaushalts
Zukunftsfähige Planungen in der Kommune brauchen Informationen, die im Rahmen der überkommenen, scheinbar ‚geschlechtsneutralen’ Deutungsmuster für überflüssig gehalten wurden. Eine wichtige Quelle ist die Aufbereitung und erweiterte Auswertung vorhandener Datensammlungen aus der Bevölkerungsstatistik, die in besonderen Fällen durch bereichsspezifische Erhebungen ergänzt werden können. Bevölkerungsumfragen lassen sich nach Lebenslagen und Geschlechtern aufschlüsseln.

Es ist vielfach erwiesen, dass Frauen und Männer für die Entwicklung ihres Gemeinwesens unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Dabei zeigt sich eine auffallende Parallelität ihrer Voten mit den ihnen von Familie und Gesellschaft übertragenen Aufgaben. Männer halten den Ausbau von Gewerbegebieten und Verkehr, den Bau von Sportstätten und Einkaufszentren für besonders wichtig. Dagegen wünschen sich Frauen eher ein verlässliches, stadtweites Angebot an Dienstleistungen in Feldern, die auch Familien zugute kommen (Betreuung, Erziehung, Bildung, Gesundheit u.a.).

Der Wunsch nach dem Vorrang der Sicherung sozialer Dienste steht im Einklang mit den erklärten Zielen moderner Stadtpolitik. Andererseits lehrt die Erfahrung, dass Zeiten der Knappheit oder gar längerfristige Krisen in erster Linie diejenigen Bereiche in Mitleidenschaft ziehen, die auf die Umverteilung von Ressourcen zielen. Die Versuchung ist groß, dort zu sparen, wo Ausgaben in besonderer Weise als Kosten in Erscheinung treten, deren Erträge nicht gemessen werden können.

In der jüngeren Vergangenheit wächst jedoch die Erkenntnis, dass der Abbau sozialer Ungleichheit zwischen arm und reich, Frauen und Männern dem Gemeinwesen als Ganzem zugute kommt. Wenn Chancengleichheit aus dem Blick gerät, ist der soziale Zusammenhalt in Gefahr. Dies gilt nicht nur im Hinblick auf Frauen und Männer, sondern betrifft alle Bevölkerungsgruppen.

Deshalb gelten im internationalen Diskurs sowohl der Bürgerhaushalt (Participatory Budgeting) als auch gendersensible Methoden der Haushaltsführung als zukunftsträchtige Alternativen zu herkömmlichen Modellen der betriebswirtschaftlich orientierten kommunalen Steuerung, die sich am ökonomisch messbaren Aufwand und Ertrag der Produkte des ‚Konzerns Kommune’ orientiert. Beide Verfahren werden in Ländern des Südens, wo sie größere Verbreitung besitzen als in den Industrieländern, vor allem zur Armutsbekämpfung eingesetzt.

In den letzten Jahren entstehen in Nord und Süd Projekte, die mit Elementen aus beiden Konzepten unterschiedliche Ziele verfolgen. Sie sind eingebettet in konkrete lokale Verhältnisse und Besonderheiten, und es ist schwierig, sie im Hinblick auf ihre Übertragbarkeit zu systematisieren. Unabhängig von der jeweiligen Ausformung der neuen Modelle schärft die Geschlechterperspektive jedoch den Blick für die Bedeutung des Sozialen im Haushalt der Kommune, und partizipative Verfahren geben den sich wandelnden Interessen und Bedarfen der Bevölkerung Volumen, Stimme und Gewicht.

Entwicklungen richtig einschätzen
Selbst renommierte Ökonomen monieren in der gegenwärtigen Krise schwerwiegende Fehler im System und seinen theoretischen Grundlagen. Es fehlt eine realistische Einschätzung von Faktoren, die sich nicht gradlinig in Zahlen zum Ausdruck bringen lassen. Dazu gehören die Geschlechterverhältnisse und ihr Einfluss auf die sog. Economy of Care. Von zukunftsfähigen Konzepten kommunalen Haushaltens erwarten kritische Stimmen nicht nur eine halbwegs ausgeglichene Bilanzierung von Kosten und Erträgen, sondern einen Beitrag zu sozialer Gerechtigkeit.

Die Autorin
Dr. Elisabeth Stiefel ist Mitglied im Beirat Bürgerhaushalt der Stadt Köln in enger Abstimmung mit der FrauenForum der KölnAgenda und dem Arbeitkreis Kölner Frauenvereinigungen (AKF). Im Rahmen verschiedener Netzwerke der Feministischen Ökonomie engagiert sie sich in der Diskussion zur geschlechtergerechten Gestaltung öffentlicher Haushalte (Gender Budgeting). Sie ist überzeugt, dass die Überwindung sozialer Spaltung und die Bekämpfung der fortschreitenden Ökonomisierung nicht gelingen kann ohne die reale Gleichstellung von Frauen und Männern. Mehr über Frau Dr. Stiefel erfahren Sie hier >>>

[mehr]

 

Gastbeitrag | Der Bürgerhaushalt als Beteiligungschance: Auf dem Weg zur Bürgerkommune

PD Dr. Ansgar Kleinvon PD Dr. Ansgar Klein

In den Kommunen ist die Nähe der Bürgerinnen und Bürger zu den zu lösenden Problemen am größten. Dort sind Lebenswelt und Sozialraum von politischen Entscheidungen noch nicht deutlich getrennt. Bürgerschaftliches Engagement ist in den Kommunen am stärksten ausgeprägt (Deutscher Bundestag/Enquete-Kommission 2002).

Vor diesem Hintergrund hat Petra Roth, die Präsidentin des Deutschen Städtetags, in ihrer Eröffnungsrede zum bundesweiten Kongress „Bürger für Bürger“ im Mai dieses Jahres in Berlin die Bedeutung des Leitbilds der „Bürgerkommune“ für die Zukunftsentwicklung der Städte und Kommunen hervorgehoben. Der Kongress hatte die Agenda der kommunalen Engagementförderung zum Thema (siehe auch >>>)

Die Bürgerkommune, so Helmut Klages im BBE-Newsletter 22⁄2008 (siehe auch BBE/Senat Berlin 2005) , setzt aus mehrfachen Gründen auf Bürgerbeteiligung: Sie entwickelt das Miteinander von Politik, Verwaltung und Bürgern und beugt der Politiker‑ und Parteien‑„Verdrossenheit“ breiter Bevölkerungskreise vor, „Partnerschaftliche Lösungsmodelle sind zweitens aber auch notwendig, um die öffentliche Aufgabenerfüllung effizienter und effektiver zu gestalten. Drittens lassen sich in einer unübersichtlichen und dynamischen Gesellschaft nur im Dialog mit den Bürgern die Voraussetzungen für Entscheidungen schaffen, welche den Ansprüchen und Erwartungen an die Politik Rechnung tragen und auf einer breiten Akzeptanzbasis aufbauen können. Der aktive Bürger wird zu Recht aus allen diesen Gründen als Akteur und Mitspieler eingefordert.“ Die Bürgerkommune überwindet konstruktiv das bestehende Spannungsfeld zwischen gewählten kommunalen Mandatsträgern und dem ergänzenden Engagement der Bürgerinnen und Bürger, das die lokale Demokratie erst mit dem notwendigen Leben erfüllt.

In Finanzfragen ist diese Kluft zwischen gewählten kommunalen Mandatsträgern und engagierten Bürgerinnen und Bürger traditionell am stärksten ausgeprägt – es besteht die Furcht seitens kommunaler Mandatsträger, dass sie auch noch im ureigensten Kern kommunaler Politik von schwach legitimierten engagierten Bürgerinnen und Bürgern herausgefordert werden. Die vorliegenden Erfahrungen mit dem Bürgerhaushalt in Deutschland machen jedoch deutlich, dass diese Sorgen nicht begründet sind. Die repräsentativ-demokratische Legitimation der durch Partizipation in kommunalen Finanzfragen entstehenden Entscheidungen wird nicht in Frage gestellt, gewinnt aber deutlich durch ein Mehr an Beteiligung.

Der Bürgerhaushalt hat als modernes Partizipationsmodell Zukunft. Als partizipativer Rahmen bietet er kombinierte Beteiligungsverfahren, die das Engagement der Bürgerinnen und Bürgern systematisch ansprechen und entwickeln helfen. Ein Zukunftsbeitrag für Zivilgesellschaft und Demokratie (Rüttgers 2008; siehe auch >>>)

Literatur
 – Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement/Senatskanzlei Berlin 2005: Bürgerkommune. Die Zukunft der Engagementförderung im kommunalen Raum
 – Deutscher Bundestag/Enquete-Kommission „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements 2002: Bürgerschaftliches Engagement: auf dem Weg in eine zukunftsfähige Bürgergesellschaft, Opladen 2002: 333–350
 – Rüttgers, Martin 2008: Bürgerhaushalt: Information, Partizipation, Rechenschaftslegung, in: Betrifft Bürgergesellschaft Nr. 30, Arbeitskreis „Bürgergesellschaft und aktivierender Staat“ der Friedrich-Ebert-Stiftung

Der Autor
PD Dr. Klein, Ansgar, geb. 1959, Publizist, Redakteur und Privatdozent für Politische Wissenschaft an der Universität Bremen. Seit August 2002 Geschäftsführer des „Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagements“. Mitherausgeber des Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen und der Buchreihe „Bürgergesellschaft und Demokratie“ im VS-Verlag.

[mehr]

Seite 1 von 512345»