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Bonn: Bürgerhaushalt „light“?

Stellungnahme des Vereins Zukunftfähiges Bonn e.V. zum Bonner Bürgerhaushalt.

Bürgerhaushalt „light“
Der Bonner Bürgerhaushalt 2008⁄2009 – Begreifen, bewerten, beteiligen

Hintergrund

Die Stadt Bonn begann im Jahr 2005 mit einer Broschüre und Bürgerversammlungen auf Bezirksebene, um den Haushaltsentwurf interessierten Bürgerinnen und Bürgern zu erläutern. Vorläufer war eine Informationsveranstaltung zum Doppelhaushalt 2001⁄2002 in der Beethovenhalle. Für den Doppelhaushalt 2006⁄2007 wurde ein weiteres Bürgerhaushaltsverfahren durchgeführt. Die Initiative für einen Bonner Bürgerhaushalt entstand 2003 im Ausschuss für Internationale Beziehungen und Lokale Agenda und ein interfraktioneller Arbeitskreis wurde gegründet, qualitativ begleitet von der Servicestelle Kommunen in der Einen Welt. Die Initiative der Lokalpolitiker startete mit dem Ziel, die Bonner Haushalts‑ und Finanzplanung für Bürgerinnen und Bürger nachvollziehbar zu machen, und zur Partizipation zu motivieren. Ein Beteiligungshaushalt, bei dem Bürgerinnen und Bürger über Mittelzuweisungen ein Votum abgeben, war von Seiten der Politik allerdings nicht erwünscht.

Für den Doppelhaushalt 2008⁄2009 läuft derzeit wieder ein Bürgerhaushaltsverfahren mit einer Broschüre, einem Fragebogen und vier Informationsveranstaltungen auf Stadtbezirksebene.

Der Bonner Bürgerhaushalt in der jetzigen Form ist ein wichtiges Instrument, Bürgerinnen und Bürger zu informieren und zum Thema Haushaltsplanung heranzuführen. Die Veranstaltungen auf Bezirksebene und die dazugehörige Broschüre drücken den Willen der Verwaltung aus, gut zu informieren und Akzeptanz zu schaffen für erforderliche Einsparmassnahmen. Dennoch gibt es Optimierungsbedarf.

Kritik am jetzigen Bonner Bürgerhaushaltsverfahren – rege Beteiligung erwünscht??

Was aber ist das genaue Ziel des Bonner Bürgerhaushaltes? Außer Verständnis wecken für erforderliche Einsparmaßnahmen wie allgemein in der Broschüre erwähnt, die aber konkret nicht genannt werden, und Vorschläge von Bürgern zum Haushaltsentwurf und zum Verfahren selber entgegenzunehmen und somit der gesetzlichen Informationspflicht in einer etwas pro-aktiveren Weise als die bloße Auslegung (gemäß § 80,3 GO) nachzukommen, wird der Sinn und Zweck des Unternehmens leider bisher nicht sehr deutlich.

Wenn es aber um notwendige Einsparungen geht: Wo aber sieht die Stadt Bonn Einsparpotentiale und in welcher Höhe? Dies wird leider weder in der Broschüre noch in den Bürgerversammlungen erläutert. Auch scheint es nicht darum zu gehen, Bürgerinnen und Bürger bei der Mittelzuweisung für die exemplarisch vorstellten Verwaltungsbereiche zu beteiligen.

Es wird keine Frist für mögliche Einwendungen oder Vorschläge angegeben. Diese seien zwar im Amtsblatt nachlesbar, aber es wäre doch einfacher, diese in der Broschüre und der Internetseite zum Bürgerhaushalt mit zu veröffentlichen.

In allen gängigen Veröffentlichungen und Erfahrungsberichten zum Bürgerhaushalt wird betont, wie wichtig eine Öffentlichkeitsarbeit ist, die auf die Bürgerinnen und Bürger zugeht. Zwar zieht die Bonner Stadtverwaltung eine positive Bilanz des Bürgerhaushalts 2006⁄2007, gibt aber auch zu, dass insgesamt sehr wenige Bürgerinnen und Bürger dieses Angebot wahrnahmen und auch bedauerlicherweise bei weitem kein repräsentativer Querschnitt der Bevölkerung zugegen war. Daher verwundert es, dass beim Bürgerhaushalt 2008⁄2009 keine offensiveren Strategien bei der Öffentlichkeitsarbeit gewählt wurden, sondern in Art und Umfang genau dieselben wie 06⁄07. Beispielsweise spricht die passive Auslage der Broschüren in städtischen Einrichtungen und die Ankündigung der Bürgerversammlungen auf einigen wenigen Dreieckständern pro Stadtbezirk sowie die übliche Pressearbeit nur Personen an, die sowieso schon kommunal aktiv sind. Ist eine regere Beteilung nicht erwünscht?

Auf den Bürgerversammlung kann man zwar Vorschläge einbringen, aber der Fragebogen ist so allgemein und missverständlich gehalten, dass man nicht weiß, ob man jetzt Verbesserungsvorschläge zum Haushalt machen soll oder zum Verfahren des Bürgerhaushaltes an sich. Ein internetgestütztes Beteiligungsverfahren fehlt komplett (außer dass man den Fragebogen von der Website herunterladen kann).

Haushaltsjargon
Die Broschüre zum Bürgerhaushalt 2008⁄2009 ist ausführlich und detailgenau, aber bedient sich eines ausgeprägten Fachjargons. Mehr konkrete und praktische Beispiele wären hilfreich. Die zwei Artikel zu den beispielhaft geschilderten Verwaltungsbereichen sind zwar engagiert geschrieben, haben aber leider keinerlei Bezug zum Haushaltsentwurf, die in diesen Verwaltungsbereichen angesetzten Aufwendungen oder gar Einsparvorschläge sind mit keinem Wort erwähnt.

Rechtfertigung, Vorgeschlagene Maßnahmen
Wie werden die Ergebnisse verarbeitet? Die Ergebnisse aus dem letzten Bürgerhaushaltsverfahren schienen sehr generell formuliert gewesen zu sein, so dass sie kaum brauchbar zu verarbeiten waren. Dies liegt sicherlich auch an dem eher allgemein gehaltenen Fragebogen. Es kommt eben darauf an, wie man fragt und wie man beteiligt, welchen Auftrag man den Bürgerinnen und Bürgern gibt, sprich: welcher Input aus der Bürgerschaft erwünscht ist. Und dies könnte ein weiteres Indiz für ein mangelndes Interesse der Stadt an wirklich für den Haushalt relevanten Vorschlägen sein. Die Ergebnisse des Bürgerhaushalts und die Anregungen der Bürgerinnen und Bürger wurden zwar im Hauptausschuss präsentiert, die Stellungsnahmen der Verwaltung zu den einzelnen Vorschlägen ist allerdings im Bonner Ratsinformationssystem nicht dokumentiert.

Insgesamt gesehen erzeugt die Stadt Bonn weder mit der Broschüre noch mit den damit verbundenen Öffentlichkeitsmaßnahmen besondere Erwartungen an den Bürgerhaushaltsprozess. Sie informiert zwar, aber sie mobilisiert nicht.

Erstes Fazit

Der Ansatz der Stadt Bonn einen Bürgerhaushalt durchzuführen ist gut, aber die Wahl der Mittel ist nicht ausreichend, um die Bonner Bevölkerung zu aktivieren. Er entspricht im Übrigen auch nicht dem Stand-der-Kunst, was man leicht mit Blick auf andere Kommunen sehen kann. Beispiele aus Berlin und Köln zeigen, dass ein Bürgerhaushalt genutzt werden kann, um die Bürgerschaft an kommunalen Fragen zu interessieren und zum Mitdenken und Mitplanen anzuregen. Diese Kommunen zeigen, dass es in einer finanziell schwierigen Situation auch anders geht. Es ist an der Zeit, dass Bonn neue Wege beschreitet, damit die Lebenswirklichkeit, die Expertise der Bürgerinnen und Bürger näher an die Politik gebracht wird, und umgekehrt auch Verständnis für Verwaltungsprozesse und –zwänge gefördert wird.. Der Bürgerhaushalt Köln, an dem sich knapp 100.000 Kölnerinnen und Kölner beteiligten, über 4700 Vorschläge einbrachten, diese 9000 mal kommentierten und über 50.000 mal bewerteten, zeigt, dass es über den Haushalt hinaus ein großen Bedarf in der Bürgerschaft gibt, sich in die Gestaltung ihrer Stadt einzubringen. Dabei werden nicht nur Vorschläge gemacht, die Haushaltsmittel einsparen, sondern darüber hinaus auch Vorschläge die Geld kosten: z.B. der Umbau einer großen innerstädtischen Kreuzung, die den Bürgern und Pendlern seit Jahren ein Dorn im Auge ist und nun ganz oben auf der politischen Agenda steht.

Lesen Sie hier den 2. Teil der Stellungnahme Bonn Bürgerhaushalt „light“?

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Bürgerhaushalt in Bergheim: Online-Phase

Seit dem 19. Februar läuft die erste Beteiligungsphase des Bergheimer Bürgerhaushaltes im Internet. Das Beteiligungsangebot der Stadt Bergheim finden Sie unter der Adresse http://www.haushalt-bergheim.de. Dort werden zurzeit Verwaltungsvorschläge durch die Teilnehmer/innen und Teilnehmer kommentiert und bewertet. Darüber hinaus besteht dort die Möglichkeit, online eigene Vorschläge zu vorgegebenen Themenschwerpunkten einzubringen. Auch diese werden durch Teilnehmerinnen und Teilnehmer kommentiert und bewertet.

Nach Abschluss der Online-Phase wird es zu jedem Thema eine Rangliste von Bürgervorschlägen geben. Die Verwaltungsvorschläge und bestbewerteten Bürgervorschläge werden dann in einem repräsentativ zusammengesetzten Bürgerforum diskutiert und abschließend bewertet.

Weitere Informationen zum Bürgerhaushalt in der Stadt Bergheim (60.000 Einwohner) finden Sie im Interview mit dem Kämmerer Norbert Feith

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Stadt Bergheim: Interview mit Kämmerer Norbert Feith (CDU)

Die Stadt Bergheim, ein Mittelzentrum mit 60.000 Einwohnern westlich von Köln, wird in diesem Jahr die Bürger/innen an der Aufstellung des Doppelhaushaltes 2008⁄2009 beteiligen. Aus diesem Anlass führten wir ein Gespräch mit Norbert Feith (CDU), dem Kämmerer der Stadt Bergheim.


Herr Feith, die Stadt Bergheim wird die Bürgerinnen und Bürger 2008 an der Aufstellung des Haushaltes 2008⁄2009 beteiligen. Warum dieses Beteiligungsangebot in Bergheim?

Bereits an der Aufstellung des Doppelhaushaltes 2005⁄2006 haben wir die Bergheimer Bürgerinnen und Bürger beteiligt. Unsere Gründe für die Beteiligung der Bürgerschaft am Verfahren zur Haushaltsaufstellung sind damals wie heute die gleichen: Aus unserer Sicht sind die bestehenden Beteiligungsmöglichkeiten nicht mehr zeitgemäß. Zwar ermöglicht die nordrhein-westfälische Gemeindeordnung – genauer gesagt der § 80,3 GO – den Einwohnern während der öffentlichen Auslegung Einwendungen gegen den Haushaltsentwurf zu machen. Nun ist es aber so, dass diese Möglichkeit, und hier ist die Stadt Bergheim keine Ausnahme, so gut wie nicht genutzt wird. Und das braucht auch niemanden zu wundern. Wer kann schon einen ausliegenden Haushaltsplan lesen und wer wird sich dazu in eine Kämmerei begeben? Eine direkte Betroffenheit wird so nicht hergestellt. Die Bürger sind aber von unseren Entscheidungen betroffen, denn in Zeiten knapper Ressourcen muss unsere Stadt mehr denn je Schwerpunkte im Haushalt zu setzen, wofür sie wie viel Geld ausgeben will und wofür nicht. Es geht schlicht darum, ob etwa eine Bibliothek oder ein Schwimmbad geschlossen oder eine Schule neu gebaut wird oder nicht. Da sollten wir die Bürgerinnen und Bürger einbeziehen. Deshalb werden wir auch 2008 wieder die Bürgerinnen und Bürger an der Haushaltsaufstellung beteiligen.

Wenn Sie von „Wir“ sprechen – wie kam es zur Entscheidungen, die Bürgerinnen und Bürger stärker im Verfahren der Haushaltsaufstellung einzubeziehen?

Sicherlich wird Bürgerbeteiligung nicht immer von allen Akteuren gleich hoch bewertet und unterstützt. Auch das ist in anderen Städten so. Wichtig ist vielmehr, dass der Rat der Stadt Bergheim Ende 2004 auf Vorschlag der Verwaltung einstimmig die Beteiligung der Bürgerschaft am Verfahren der Haushaltsauf¬stellung beschlossen hat. Wichtig ist aus meiner Sicht auch, dass der Rat der Beteiligung eine Funktion zuspricht, nämlich „… als einen unterstützenden Beitrag zur Meinungsbildung des Rates vor der Beschlussfassung“. Aufseiten der Verwaltung haben wir viele motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die das Verfahren mit großem Engagement unterstützt haben und auch diesmal wieder unterstützen. Und das wichtigste ist, dass die sowohl Politik als auch Verwaltung die Beteiligung als einen kontinuierlichen Prozess betrachten, wir sie also nicht nur einmal anbieten, sondern bei jeder Haushaltsaufstellung mitdenken und durchführen wollen. Wir setzen also in diesem Jahr die Beteiligung fort, was aus meiner Meinung nach ein wichtiger, vielleicht sogar der wichtigste Aspekt ist, damit wir vor der Bürgerschaft Beteiligung glaubwürdig anbieten und durchführen können und, lassen Sie mich das noch sagen, um letztlich unser Beteiligungsangebot auch weiterentwickeln und verbessern zu können.


Wie sah die Beteiligung der Bürgerschaft zum Doppelhaushalt 2005⁄2006 aus?

2005 haben wir unter dem Slogan „… denn schließlich ist es Ihr Geld“ eine Beteiligung durchgeführt, die aus drei Säulen bestand: Wir informierten die Bürgerinnen und Bürger mithilfe einer Haushaltsbroschüre über die Systematik des städtischen Haushaltes und die Ursachen der aktuellen haushaltspolitischen Schwierigkeiten. Im Zentrum aber standen, nach den jeweiligen Fachthemen gegliedert, die Sparvorschläge der Verwaltung, durch die der Haushalt konsolidiert werden sollte. Diese Broschüre wurde kurz nach der Haushaltseinbringung an alle Haushalte Bergheims verteilt. Mit der Broschüre, und damit spreche ich die 2. Säule an, verteilten wir auch einen Fragebogen. Unter der Überschrift „Wenn Sie Kämmerer wären…“ hatten wir dort in Kurzform alle vorgeschlagenen Sparmaßnahmen in einer Spalte aufgelistet. Diese konnten durch in einer weiteren Spalte durch die Bürgerinnen und Bürger anders gewichtet oder durch andere Sparvorschläge ergänzt werden, wobei das angestrebte Einsparziel von 2,3 Millionen Euro eingehalten werden sollte. Im Internet hatten wir damals auch die Broschüre und den Online-Fragebogen eingestellt. Dort konnte der Fragebogen online ausgefüllt und direkt an die Kämmerei gesendet werden. Heute setzen andere Kommunen für so etwas ja so genannte Haushaltsrechner ein.

Was wurde mit den Ergebnissen der Fragebogen-Befragung gemacht?

Es wurde ermittelt, welche Verwaltungsvorschläge wie häufig unterstützt oder abgelehnt wurden. Weiterhin wurden die selbst formulierten Sparvorschläge der Bürgerinnen und Bürger zusammengestellt und mit den Ergebnissen des Bürgerforums dokumentiert. Das Bürgerforum stellte die 3. Säule unserer Bürgerbeteiligung zum Haushalt 2005⁄2006 dar. Hierzu lud die Bürgermeisterin gezielt 2.800 nach dem Zufallsprinzip ausgewählte Bürgerinnen und Bürger – das sind etwa 10 Prozent der Wahlberechtigten – ein. 230 meldeten sich an und tatsächlich kamen knapp 190 Bürgerinnen und Bürger zu der Veranstaltung.

Wie verlief das Bürgerforum? Und: Warum eine Zufallsauswahl?

Durch die Zufallsauswahl persönlicher und auch nicht übertragbarer Einladungen wollten wir eine gewisse Repräsentativität erreichen – oder umgekehrt gesagt: eine zu starke Einflussnahme von Interessensgruppen vermeiden. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen des Bürgerforums erhielten zuerst eine Einführung in die Haushaltslage. Die Mitwirkung der Bürgerinnen und Bürger erfolgte dann in mehreren moderierten Gruppenworkshops zu einzelnen Fachthemen, wie zum Beispiel Sport, Kultur oder Schwimmbäder. Am Ende der Veranstaltungen konnten alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer mithilfe von roten, gelben oder grünen Klebepunkten ihre Voten an den Stellwänden zu den einzelnen Verwaltungsvorschlägen abgeben: Auch ohne detaillierte Auswertung konnte dadurch zum Abschluss der Veranstaltung gesehen werden, wo die Bürgerinnen und Bürger den von uns eingeschlagenen Weg unterstützen und wo sie keine Einsparungen sehen wollen. Die Moderation des Bürgerforums übernahm der Vorsitzende des Agenda-Beirates, wodurch die Unabhängigkeit der Willensbildung aufseiten der Bürger unterstrichen wurde.

Weiterlesen – hier geht es zum 2. Teil des Interviews

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Der Bürgerhaushalt eine Bringschuld der Politik?

Nach unseren Erfahrungen in Münster ist es nicht einfach, das Interesse der im Rat der Stadt vertretenen Parteien am Thema „Bürgerhaushalt“ zu wecken. Zu sehr sind sie davon überzeugt, die Bedürfnisse „ihrer“ Bürger zu kennen und zu sehr sind sie damit beschäftigt, diesen die Sachzwänge zu verdeutlichen, unter denen die Politik angeblich steht, als dass sie sich ihre Wähler/innen als mündige, urteilsfähige Menschen vorstellen könnten.

Sicher reicht da unsere Behauptung nicht aus, die Bürger/innen forderten angesichts eines weiter wachsenden Haushaltsdefizits ein Mitbestimmungsrecht an der Aufstellung des städtischen Haushalts. Die Ratsvertreter wissen nur zu gut, dass Bürger/innen gar nicht gewöhnt sind, beteiligt zu werden und daher am städtischen Haushalt in aller Regel nur insoweit interessiert sind, als ihre persönlichen oder beruflichen Interessen direkt berührt sind.

Aufschlussreich fand ich daher einige Aussagen auf dem von der Servicestelle Kommunen in der Einen Welt, InWEnt, am 04.12.2007 in Bonn veranstalteten „5. bundesweiten Netzwerktreffen Bürgerhaushalt“:

Hier vertrat der Stadtkämmerer von Köln sinngemäß die Ansicht, der Bürgerhaushalt sei eine Bringschuld der im Rat vertretenen Parteien an die Bürger/innen: Herr Soénius sieht im Beteiligungshaushalt primär eine Möglichkeit, die Bürger/innen zu aktivem Mitdenken aufzufordern und so der wachsenden Politikverdrossenheit entgegen zu wirken. Es könne auf Dauer nicht sein, dass die nur noch von einer Minderheit aller Wahlberechtigten gewählten Ratsvertreter/innen die Geschicke der Stadt allein bestimmten.

Ebenfalls einleuchtend fand ich die Begründung eines Teilnehmers in einer Arbeitsgruppe (war es der Vertreter von Groß Umstadt ?) der argumentierte, die Kommunalverwaltungen machten einen Wandlungsprozess durch von der Hoheitsverwaltung über die Dienstleistungsverwaltung hin zur Bürgerverwaltung, bei der die Bürger/innen am kommunalen Geschehen direkt beteiligt werden.

Ansich ist eine solche direkte Beteiligung auch in Mitteleuropa nichts Exotisches: In der Schweiz ist diese Beteiligung an der Aufstellung kommunaler Haushalte gesetzlich vorgeschrieben und wird von einer qualifizierten Minderheit der Bürger/innen auch regelmäßig wahrgenommen. Wir brauchen uns daher nicht nur an Porto Alegre oder Christchurch zu orientieren. Wir könnten auch von unseren unmittelbaren Nachbarn lernen.

Freundliche Grüße aus Münster,

Nolten Kattentidt

Arbeitsgemeinschaft Lokale Agenda 21 Münster
Eine-Welt-Forum Münster e.V., FrauenAktionsBündnis,
Friedensforum Münster, Umweltforum Münster e.V.

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Bürgerhaushalt und NKF – wie geht das zusammen?

Ausgangslage

Im Zentrum des Bürgerhaushalts stehen finanzielle Angelegenheiten, es geht um die begrenzte Ressourcen und ihren Einsatz in der Kommune. Es handelt sich um ein auf Dauer angelegtes und wiederholtes Verfahren. Ein einmaliges Referendum zu haushaltspolitischen Fragen ist kein Bürgerhaushalt. Der Prozess beruht auf einem eigenständigen Diskussionsprozess. Die Miteinbeziehung von Bürgern in bestehende Verwaltungsgremien oder Institutionen der repräsentativen Demokratie stellt keinen Bürgerhaushalt dar.
Die Organisatoren müssen Rechenschaft in Bezug darauf ablegen, inwieweit die im Verfahren geäuβerten Vorschläge aufgegriffen und umgesetzt werden.

Neues Kommunales Finanzmanagement

Während bisher die finanziellen Ressourcen in der Kommune in einer schlichten Einnahme‑/Ausgabeplanung bzw. –rechnung dargestellten wurden und sich dementsprechend Partizipationsprozesse auch nur darauf beziehen konnten, erfasst das neue Kommunale Finanzmanagement den kompletten Ressourcenverbrauch, also auch die Entwicklung des Vermögens.

Die zweite entscheidende Neuerung des Neuen Kommunalen Finanzmanagements ist die Produktorientierung. So schreibt beispielsweise die Gemeindehaushaltsverordnung in NRW vor, dass der Haushalt in Teilplänen nach Produktbereichen, Produktgruppen oder nach Produkten aufgestellt wird. Für das Thema der Partizipation am Haushalt verändert sich also der Partizipationsgegenstand. Die Städte, Gemeinden und Kreis sollen zu den Produkten

• Ziele und

• Kennzahlen zur Messung der

• Zielerreichung

beschreiben. Die ersten Erfahrungen zeigen, dass die Verwaltungen und erst recht die Politiker damit erhebliche Probleme haben. Die Formulierung von Zielen, deren Erreichung mittels Kenzahlen überprüft werden kann bringt potenziell ein Maß an Transparenz mit sich, das nicht immer erwünscht ist. Außerdem ist es ein ungewohntes Verfahren, das ohne eine erfahrene Moderation kaum zu bewältigen ist. Häufig wird daher im ersten Durchgang auf die Formulierung von Zielen und Kennzahlen verzichtet, was aber zum einen kein Dauerzustand sein kann und zum anderen dem Sinn und Zweck von NKF widerspricht.

Folgen für den Bürgerhaushalt?

Die spannende Frage ist, ob und wie Bürgerhaushaltkommunen den Partizipationsprozess öffnen für die Festlegung von produktorientierten Zielen und wie sie über die Zielerreichung Rechenschaft ablegen. Ohne Zweifel kann es dabei nicht darum gehen, die Bürger aufzufordern, selbst Kennzahlen zu definieren. Aber Verwaltung und Politik müssen ihre Ziele offenbaren, auf mögliche Zielkonflikte hinweisen und die notwendigen Ressourcen zur Zielerreichung benennen.

Es könnten sich dadurch neue Chancen und auch neue Erfolgskriterien für Bürgerhaushaltverfahren ergeben. Während bisher das vorherrschende Erfolgskriterium die zahlenmäßige Intensität der Beteiligung darstellt, bietet es sich an, stärker darauf zu achten, ob und inwieweit sich Qualitätserfolge feststellen lassen. Bei der Berichterstattung ginge es nicht nur um die bloße Rechenschaft über die Umsetzung eines Vorschlags sondern um die Einbeziehung der Wirkungen und Ergebnisse.

Fragen an Akteure deutscher Bürgerhaushaltkommunen:

• Gibt es bereits Beispiele für eine explizite Beteiligung von Bürgern bei der Festlegung von Zielen und Kennzahlen? Wenn ja, mit welchen Erfahrungen?
• Gibt es Planungsüberlegungen dazu? Wenn ja, wie sehen diese aus?
• Gibt es Bereitschaft, sich mit diesem Thema intensiver zu befassen?

Dr. Hanspeter Knirsch

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