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Fragen und Antworten zu (elektronischen) Bürgerhaushalten
Posted By Oliver Märker On 17. Juni 2011 @ 17:19 In Diskussion, Neuigkeiten, Praxis | 8 Comments
verfasst von Oliver Märker, Redaktion
Mittlerweile werden die meisten Bürgerhaushalte ausschließlich oder hauptsächlich mithilfe des Internets angeboten – bekannte Beispiele sind Bonn [1], Berlin-Lichtenberg [2], Freiburg [3], Essen [4], Gütersloh [5], Köln [6], Münster [7], Trier [8]. In diesem Zusammenhang erreichen uns immer wieder Fragen, von denen wir, die Redaktion, die drei häufigsten versuchen hier zu beantworten. Anregungen, Kommentare, Gegenpositionen können Sie gerne als Kommentar gleich unten einfügen!
Thema Missbrauch oder Manipulationsversuche
Frage: Wie können Manipulationen bei der Abstimmung der Bürgerinnen und Bürger über eingebrachte Vorschläge zum Bürgerhaushalt mittels Internetplattform durch Externe (z.B. Bürgerinnen und Bürger) und durch Interne (z.B. beauftragte Firmen) ausgeschlossen werden?
Antwort der Redaktion:
Manipulationen können grundsätzlich nicht ausgeschlossen werden. Es gibt zwar Städte, die von den Teilnehmenden, die sich an einer Online-Plattform zur Teilnahme registrieren, neben einen Nutzernamen (der ein Pseudonym sein darf), auch den Vor‑ und Nachnamen und Adresse abverlangen, dennoch schützt dies nicht vor Missbrauch. Ganz im Gegenteil: durch den Versuch, mehr Nachweise von den Teilnehmenden zu verlangen, erhöht sich sogar das Missbrauchsniveau und –risiko: so geschehen in Potsdam, wo Dritte Daten von Bürgerinnen und Bürgern „genutzt“ haben, um sich mit einer falschen Identität zu beteiligen.
Theoretisch wäre es zwar technisch möglich, eine Beteiligungsplattform mit umfassenden Überprüfungsmechanismen auszustatten, um in Echtzeit die Identität eines Teilnehmenden zu überprüfen. Dies würde aber wahrscheinlich – neben zusätzlichen Kosten – dazu führen, dass die Beteiligung „gegen Null“ tendiert: Denn welcher Bürger, welche Bürgerin ist bereit, umfassende Daten von sich Preis zu geben, „nur“ um an einer Beteiligung zum kommunalen Haushalt beteiligt zu werden? Aufgrund dieser Tatsache muss aus unserer Sicht ein Abstimmungs‑/Voting-Verfahren – zum Beispiel um eine Bestenliste zu erzeugen (Köln, Bonn, Trier, Gütersloh, ….) – konzeptionell eine entsprechend „weiche“ Rolle spielen. Es kann und darf nicht dazu genutzt werden, um verbindliche Abstimmungen durchführen zu wollen. Das ist aus unserer Sicht solange nicht der Fall, solange ein Internet-basiertes Voting-Verfahren nur dazu dient, um zum Beispiel eine Vorauswahl zu treffen, so wie es in nahezu allen uns bekannten Verfahren nach dem Kölner Modell der Fall ist.
Zusammenfassend gesagt: Missbräuchliche Nutzung (etwa durch Mehrfachregistrierungen einer Person) ist ein Phänomen, mit dem man leben muss. Es darf daher durch eine Verfahrenskonzeption keine zu hohe Bedeutung zugeschrieben bekommen. Und zu guter Letzt darf nicht vergessen werden: Der Rat entscheidet, sodass am Ende – das gilt übrigens auch für die fehlende Repräsentativität aller Bürgerhaushalte (egal ob online oder nicht online) – die formal vorgesehene Instanz das letzte Wort hat.
Was den Missbrauch durch externe Dienstleister angeht: Hier kann theoretisch noch einfacher manipuliert werden, da ja diese Dienstleister nicht nur den technischen Zugang haben, sondern in der Regel auch die Auswertung der Zahlen vornehmen. Das gilt auch für Verwaltungen und deren Mitarbeiter, falls diese einen Bürgerhaushalt ohne externe Dienstleister durchführen (z.B. Freiburg). Hier muss man darauf vertrauen, dass die beteiligten Akteure verantwortungsvoll mit ihrer Rolle (und Macht) umgehen.
Thema Selektivität des Beteiligungskanals Internet
Frage: Führt die Nutzung des Internets als alleiniger oder Hauptkanal nicht dazu, dass viele Bürgerinnen und Bürger von der Beteiligung ausgeschlossen werden?
Antwort der Redaktion:
Konkrete Zahlen aus Bürgerhaushalten sprechen eine klare Sprache: Durch das Internet als Beteiligungsmedium werden vor allem politisch Interessierte erreicht, und hier insbesondere besser verdienende, besser ausgebildete Bürger/innen, vor allem Menschen im Alter zwischen 30 und 60. Und ältere Menschen über 60 werden eher erreicht als jüngere Bürger/innen unter 30. Interessanterweise werden genauso viele Frauen wie Männer erreicht, in manchen Städten sogar mehr Frauen als Männer, was für das Internet bzw. viele andere Beteiligungsverfahren ein Novum ist. Und es gibt Indizien, dass – neben den gut organisierten Gruppen – auch eher nicht organisierte Bürger/innen und Bürger teilnehmen. Das Internet reproduziert also teilweise Beteiligungsasymmetrien und hebt das bekannte Problem fast aller Beteiligungsmethoden nicht auf: Es werden nur die erreicht, die sich politisch/thematisch interessieren.
Frage: Sind im Vergleich zur Einwohnerzahlen oder Wahlberechtigten die Beteiligungszahlen an Bürgerhaushalten nicht viel zu gering?
Antwort der Redaktion
Grundsätzlich ist bei vielen Initiatoren und Unterstützern von Bürgerhaushalten festzustellen – egal ob Beteiligung mit oder ohne Internet realisiert werden soll –, dass gewünscht wird, möglichst viele, insbesondere politikferne Menschen und eine möglichst repräsentative Teilnehmerschaft zu erreichen. Es werden daher gerne Vergleiche zu Einwohnerzahlen oder zu den Wahlberechtigten oder zu repräsentativ angelegten Verfahren (wie der Kommunalwahl oder repräsentativer Umfragen) gezogen. Vor diesem Hintergrund wirken die üblichen Beteiligungszahlen aller uns bekannter Bürgerhaushalte – sowohl was die Gesamtzahl der Teilnehmenden angeht als auch was ihre Zusammensetzung angeht – eher bescheiden. Selbst in Kommunen mit sehr hoher Beteiligung, werden aktiv gerade 4 % der Bevölkerung erreicht, und lesend, also als „Informationsbesucher“, ca. 20 bis 40 %. Aus unserer Sicht sind aber alle Anforderungen an Bürgerhaushalte problematisch, die eine sehr hohe und repräsentative Beteiligung fordern und Bürgerhaushalte an diesen Zahlen zu messen versuchen. Denn die zum Vergleich herangezogenen Verfahren oder Zahlen haben *nichts* mit der Beteiligungspraxis so wie sie üblicherweise zwischen den Wahlen stattfindet zu tun. An genau an der setzen Bürgerhaushalte in der Praxis aber an: die kommunalen Haushaltsplanung. Vergleicht man die Struktur und die Anzahl der Teilnehmenden mit der vorhergehenden, üblichen Praxis, stellen fast alle Bürgerhaushalte einen großen Erfolg da, da üblicherweise vor der Einführung eines Bürgerhaushalte keine oder nur äußerst wenige – und dann immer die gleichen – Bürger/innen sich an der Haushaltsplanung durch Eingaben beteiligten.
Thema Lobby-Gruppen und Mobilisierung
Frage: Inwieweit kann verhindert werden, dass beispielsweise Lobby-Gruppen oder andere gut vernetzte Gruppen einen zu großen Einfluss auf das Ergebnis erhalten?
Antwort der Redaktion:
Das kann nicht verhindert werden. Es gibt sogar Stimmen, die sagen, dass das nicht verhindert werden sollte, da das zum Modus unserer Demokratie gehöre: nämlich für Ideen Stimmen zu mobilisieren. Allerdings kann der Einfluss der gut organisierten Bürgerinnen und Bürger relativiert werden, indem beispielsweise durch eine sehr gute Öffentlichkeitsarbeit
auch nicht-organisierte Bürger/innen erreicht und zur Teilnahme mobilisiert werden. Zahlen aus Bürgerhaushalten wie Köln, Bonn, oder Solingen zeigen, dass dies ansatzweise auch gelingt. Darüber hinaus kann auch methodisch dafür gesorgt werden, dass nicht nur gut-organisierte Bürger/innen teilnehmen, indem über verschiedene Beteiligungskanäle beteiligt wird: Telefon, Vor-Ort-Veranstaltung und persönliches Gespräch, Brief (Rückantwortbogen), und Internet. Weiterhin gehen manche Kommunen dazu über, neben dem Internet als Hauptbeteiligungskanal zusätzlich eine auf Zufallsauswahl basierende Veranstaltung im Anschluss durchzuführen, um zum Beispiel Ergebnisse aus einer Online-Phase von Bürger/innen (zusätzlich) bewerten zu lassen, also von Bürger/innen, die nicht Vorschläge eingebracht und/oder Stimmen dafür mobilisiert haben.
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[1] Bonn: http://www.buergerhaushalt.orgtag/bonn
[2] Berlin-Lichtenberg: http://www.buergerhaushalt.orgtag/berlin-lichtenberg
[3] Freiburg: http://www.buergerhaushalt.orgtag/freiburg
[4] Essen: http://www.buergerhaushalt.orgtag/essen
[5] Gütersloh: http://www.buergerhaushalt.orgtag/guetersloh
[6] Köln: http://www.buergerhaushalt.orgtag/koeln
[7] Münster: http://www.buergerhaushalt.orgtag/muenster
[8] Trier: http://www.buergerhaushalt.orgtag/trier
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8 Comments To "Fragen und Antworten zu (elektronischen) Bürgerhaushalten"
#1 Comment By Carsten Posingies On 17. Juni 2011 @ 18:30
Nee, Leute, genau so funktioniert das nicht. Es ist ja schön und gut, dass sich mehr Frauen und mehr Ältere beteiligen. Das ist aber Zufallspartizipation, völlig ungesteuert. Insbesondere befreit es die InitiatorInnen von und Verantwortlichen für Bürgerhaushalte nicht von der Pflicht, ständig für ein demografisch möglichyst breites Spektrum zu sorgen.
Insbesondere wird in dieser Antwort mit keiner Silbe erwähnt, wie es um die Beteiligung sozial benachteiligter Menschen bestellt ist. Es bhat nuneinmal nicht jeder Mensch einn Computer und Internet-Zugang zuhause. Schade, dass man wirklich daran erinnern muss, aber bitte: Nicht jeder Mensch hat überhaupt ein Zuhause. Darüber hinaus gibt es Menschen, die aus welchen Gründen auch immer nur schwer oder gar nicht in der Lage sind, einen Computer zu bedienen, sei es aufgrund körperlicher, sei es aufgrund von geistiger Einschränkungen.
Mit dem ganzen — Entschuldigung — Gefasel von digitaler Demokratie zeugt von einer geradezu — Entschuldigung — faschistioden Hybris einer selbsternannten „digital boheme“, von der ich mittlerweile denke, dass sie diese Ausgrenzung mit böswilliger Absicht betreibt nach dem Motto: „Wenn das Geld denn nicht für alle langt, wollen wir wenigstens mitspielen dürfen.“
Das Gefuchtel mit der Frauenquote ist — Entschuldigung — nicht bloss entlarvend, sondern widerlich. Hier wird ein BuzzTheme hergenommen, um den eigenen Unwillen zu mkaschieren, ein wirklich inklusives Konzept zu entwickeln und zu vertreten.
#2 Comment By Carsten Posingies On 17. Juni 2011 @ 18:32
Bitte die Typos entschuldigen.
#3 Comment By Twintreiber On 17. Juni 2011 @ 21:11
Zitat: „Das ist aber Zufallspartizipation, völlig ungesteuert.“
Jo, Carsten.
Dann fahr mal nach Belarus. Dann drückt Dir Lukaschenko ein Fähnchen in die Hand, und auf Kommando darfst Du damit wedeln. Das ist dann gesteuerte Partizipation.
#4 Comment By Twintreiber On 17. Juni 2011 @ 21:30
Nochmal ernsthaft:
Dass Hauptproblem am Bürgerhaushalt ist nicht das Medium, sondern Das Interesse am Thema. Gerade Menschen mit geistiger Behinderung nützen sehr häufig das Interesse. Auf einer Webseite wie dieser hier würden sich wahrscheinlich viele von ihnen langweilen. Das liegt aber nicht am Medium. Wer in Deutschland Interesse hat, sich mit dem Thema Bürgerhaushalt auseinanderzusetzen, findet einen Weg. Also hört doch auf am Medium rumzukritisieren. Kümmert Euch lieber um die Inhalte.
#5 Comment By Twintreiber On 17. Juni 2011 @ 21:53
„nützen sehr häufig das Interesse“.
Sorry, ich meinte natürlich das Internet. Wer welche Interessen nutzt, darüber denke ich noch nach…
#6 Comment By Carsten Posingies On 18. Juni 2011 @ 13:00
Hallo Twintreiber,
ich wäre ja mit der Digitalisierung der Bürgerhaushalte einverstanden, WENN denn in den Konzepten mehr stünde als „dann sollen sie ihr Hinterteil halt in ein Inet-Café bewegen“. Erstens, sieh Dir bitte mal die Verteilung von ICas in DE an. Schonmal eins in einem 10.000-Ew-Ort entdeckt? Zweitens, ICa-Zeit kostet Geld. Drittens, möchtes Du in nem ICa abstimmen? Wahlen und Abstimmungen haben lt. GG in DE u.a. geheim zu sein. Immerhin wird bei BHHen über Geld beschlossen.
Gut, machen wir es digital. Der einfachste, aber jedenfalls von mir noch nirgends entdeckte Weg wäre, die Internet-Zugänge der Arbeitsagenturen und Stellen-Info-Börsen dafür zu benutzen. In Orten, wo es solche nicht gibt, werden dann Terminals in Rathäusern/Bürgerbüros eingerichtet. Wo es auch das nicht gibt, weil die Kommune so klein ist, muss dann halt das Gasthaus an der Hauptstrasse so ein Ding kriegen. Wirklich inklusiv ist das immer noch nicht (Vertretungsregelung im Krankheitsfall?), aber immerhin.
Mich regt es einfach masslos auf (und provoziert solche provozierenden Reaktionen), dass diese piratenpartei-esque Denke „die ohne Internet sind Menschen 2. Klasse“ in Bürgerhaushalts-Diskussionen so unfassbar unrefklektiert übernommen wird.
Am allerliebsten habe ich dann noch in diesem Zusammenhang das „Argument“ der Kosten. Das liegt für mich auf dem selben Niveau wie eine Forderung nach Straffreiheit bei aktiver Sterbehilfe bei Behinderten und RentnerInnen. Die verursachen schliesslich auch nur Kosten.
#7 Comment By Carsten Posingies On 18. Juni 2011 @ 13:06
Nachtrag, nochmal sachlich.
Wer nicht will, der hat schon, keine Frage. Aber wer will, muss auch können können (!). Auch ohne Computerkenntnisse und auch mit allen erdenklichen Beeinträchtigungen. Alles andere ist Willkür, und zwar vorsätzliche, da man um diese Barrieren schon lange weiss.
#8 Pingback By e-Participation Blog » Blog Archive » FTD – Mitmachbürger an die Macht On 10. August 2011 @ 12:29
[…] einen repräsentativen Querschnitt der Gesellschaft handelt, die da Mitbestimmung fordert. Wie auch andere Quellen beschreiben, sind es eben tendenziell politisch Interessierte, hoch Qualifizierte, zwischen 30 und […]