Gender Mainstreaming

 

Gender-Fragen im Bürgerhaushalt – Neue Perspektiven für das kommunale Finanzmanagement

von Elisabeth Stiefel

Der Bürgerhaushalt
Bürger‑ bzw. Beteiligungshaushalte laden die Wohnbevölkerung zur Mitentscheidung über das Finanzmanagement ihres Gemeinwesens ein. Als Instrument direkter Demokratie geben sie auch solchen Gruppen eine Stimme, die es schwer haben, sich in repräsentativen demokratischen Verfahren Gehör zu verschaffen. Lebenslagen, die von der gesellschaftlichen Normalität. abweichen, bleiben in repräsentativen Strukturen auch dann sperrig, wenn es um die Gestaltung des gesellschaftlichen Wandels geht.

Innovative Verfahren wie der Bürgerhaushalt tragen dagegen der Vielfalt moderner Bedarfs‑ und Lebenslagen Rechnung. Sie bringen Fragen auf die Tagesordnung, die zuvor nicht gestellt wurden oder lediglich als Anliegen von Minderheiten galten. Diese Sicht hat weit reichende Konsequenzen für den Umgang mit Ressourcen. Sie bildet ein Gegengewicht zu einem Finanzmanagement, das sich vorrangig an betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten und damit an der Bilanzierung von Input und Output, von Aufwand und Erträgen orientiert. Bürgerhaushalte unterstützen das Leitbild der Bürgergesellschaft und ihren Anspruch, den Potenzialen und Bedürfnissen aller Bevölkerungsgruppen Raum zu geben.

Grundsätzliche Überlegungen, die im Rahmen der Etablierung von Bürgerhaushalten auf ein neues Verhältnis des Gemeinwesens und seinen Mitgliedern verweisen, kommen bisher vor allem aus Ländern des Südens, gelten jedoch auch für Kommunen in der sog. alten Welt. Das Recht zur Mitgestaltung öffentlicher Finanzen verleiht BürgerInnen einen Status, der über die reine Nutzung kommunaler Dienstleistungen hinaus weist. Die Individuen sind nicht länger nur Kunden oder gar Klienten, sondern übernehmen Mitverantwortung für das Wohlergehen der Gemeinschaft. Damit erweitern sie das Spektrum der Ressourcen für eine zukunftsfähige Stadtpolitik.

Das Gender Budget
In der EU gilt das Gender Budget als Instrument von Gender Mainstreaming. Gender Budgeting wird als Anwendung von GM auf öffentliche Haushalte gesehen. Im Gegensatz zu Gender Mainstreaming ist die Einführung von Gender Budgeting nicht verpflichtend. Öffentliche Haushalte sollen sich jedoch bis 2015 grundsätzlich eine Geschlechterperspektive zu Eigen machen.

GM und damit auch GB haben das Ziel, die Gleichberechtigung von Frauen und Männern, die Bestandteil aller demokratischen Verfassungen ist, durch strukturelle Veränderungen und konkrete Maßnahmen in reale Gleichstellung zu überführen. Aktionsraum für diese Strategie sind alle Bereiche politischen Handelns, die für die Lebenslage der Individuen Bedeutung haben.

Bürgerbeteiligung auf dem Weg in eine lebensfreundliche Stadtgestaltung
Um Gemeinsamkeiten und Widersprüche der neuen Prinzipien öffentlicher Haushaltsführung zu entdecken, bedarf es tiefer schürfender Recherche. Der Gewinn für den öffentlichen Umgang mit öffentlichem Geld ist an die Bedingung gebunden, dass diejenigen Probleme erkannt und benannt werden, für die neue Lösungen gesucht werden müssen.

Unabhängig von den konkreten Zielen eines Bürgerhaushalts geht es zunächst darum, auch diejenigen zur Beteiligung zu motivieren, deren gleichwertige Lebens‑ und Entwicklungschancen gesichert werden sollen. Nur sie können beschreiben, was sie an einer Lebensführung hindert, die sie als befriedigend empfinden. Die gleichzeitig sach‑ und personengebundene Problematik lässt sich an einer Vielfalt von Beispielen demonstrieren. Ein unzureichend ausgebauter Nahverkehr beeinträchtigt z.B. andere Bevölkerungsgruppen als der fehlende Kindergarten oder die Schließung eines Jugendzentrums, wenn Personalkosten eingespart werden müssen.

Im Auftrag der Weltbank hat 2007 eine Expertengruppe die Haushaltsführung von Puerto Alegre unter die Lupe genommen, die auch nach fast 20jähriger Praxis noch immer als Prototyp der Bürgerbeteiligung an der kommunalen Haushaltsplanung gilt. Die Untersuchung bestätigte der brasilianischen Hauptstadt Erfolg bei der wirtschaftlichen Entwicklung unterprivilegierter Stadtquartiere. Gleichzeitig machte sie auf eine Problematik aufmerksam, die für alle Bürgerhaushalte Bedeutung besitzt.

Instrument von Armutsbekämpfung und Bürgermitwirkung in Puerto Alegre war von jeher der kommunale Investitionshaushalt und damit die bauliche Infrastruktur. Es ging um die Ausstattung mit Wasserversorgung und Entwässerung, um die Einrichtung von Gewerbegebieten, um den Bau von Krankenhäusern und Kindergärten. Doch der globale gesellschaftliche Wandel in Richtung einer Ökonomie der Dienstleistung schafft neue Armutsrisiken und damit auch neue Herausforderungen für die kommunale Haushaltsplanung. Die Studie hat nachgewiesen, dass Puerto Alegre nicht erfolgreicher ist als andere Städte, wenn es um die Handhabung der laufenden Kosten geht. Der Erhalt und erfolgreiche Ausbau der sozialen neben der baulichen Infrastruktur braucht Sichtweisen, die sich aus der bisherigen Praxis des Bürgerhaushalts nicht ableiten lassen.

Eine verlässliche Gesundheitsversorgung ist etwas anderes als der Bau eines Krankenhauses, und Investitionen in Bildung und Erziehung lassen sich mit dem herkömmlichen Verständnis von Investition nicht bewältigen. Auch die üblichen Sparappelle greifen ins Leere, wenn es um die zukunftsfähige Neuorientierung öffentlicher Haushalte geht. Die derzeitige Finanz‑ und Wirtschaftskrise hat einmal mehr gezeigt, dass Mainstream‑Ökonomen ratlos sind, wenn ihr Denkgebäude Risse zeigt. Gleichzeitig bezweifelt niemand, dass die Linderung der Nöte öffentlicher Daseinsvorsorge ohne strukturelle Reformen eine Utopie bleiben wird. Sparmaßnahmen zu Lasten von Lebensqualität und Chancengerechtigkeit in der Gegenwart beeinträchtigen die Wohlfahrt künftiger Generationen nicht weniger als ein stetig wachsender Schuldenberg, der irgendwann einmal abgetragen werden muss.

Sensibilität für Gender-Fragen eröffnet neue Sichtweisen
In deutschen Bürgerhaushalten haben Frauen – wenn überhaupt – bisher in erster Linie als Zielgruppe Aufmerksamkeit erregt. Sie stehen im Ruf, sich vor allem an niederschwelligen Verfahren zu beteiligen. Beliebt ist der Verweis auf die online-Befragung zum Hamburger Haushalt im Mai 2006, bei der nur 15 Prozent der Voten von Frauen stammten. Die eingesammelten Sparvorschläge repräsentierten folgerichtig eher männliche Präferenzen. Gekürzt werden sollte vor allem in den Bereichen Kultur, Soziales und Familie.

Obwohl Gender-Fragen nicht im Mittelpunkt der erwähnten Studie zum Bürgerhaushalt in Porto Alegre stehen, bieten einige Informationen Brücken zum Weiterdenken. Bekannt ist, dass Frauen, ohne als irgendwie benachteiligte Zielgruppe beworben worden zu sein, in den Versammlungen von Anfang an gleichgewichtig das Wort ergriffen. Sie taten sich vor allem in denjenigen Bereichen hervor, die ihrem privaten und beruflichen Alltag am nächsten waren (Arbeitsgruppen zum Thema Gesundheit bestanden z.B. zu ⅘ aus Frauen). Zum ersten Mal überstieg 2005 die Anzahl der insgesamt am Bürgerhaushalt teilnehmenden Frauen die der Männer. Interessant ist vor allem, dass sie auch in den zeitaufwändigeren Beratungsgremien die Mehrheit übernahmen. In den Focus traten vor allem Frauen ohne Männer (unverheiratet, geschieden, allein erziehend, verwitwet).

Die AutorInnen der Studie halten es für erwähnenswert, dass Gender-Fragen im Bürgerhaushalt von Puerto Alegre offiziell niemals eine Rolle spielten. Demnach waren es ‚private’ Impulse, die Frauen dazu motivierten, in wachsendem Ausmaß Verantwortung zu übernehmen. Solche Befunde decken sich mit Erfahrungen aus anderen Regionen und Kulturen. Überall dort, wo es um ‚Well-Being’, ⅾ.h. um Lebensqualität, Versorgung, personennahe Dienstleistung und sozialen Zusammenhalt geht, melden sich Frauen öffentlich zu Wort. Auch die Hamburgerinnen machen hier keine Ausnahme. Mit einem Anteil von 60 Prozent stellten sie 2005 die Mehrheit derer, die im Rahmen einer Online-Befragung zum Thema ‚Familienfreundlicher Wohnort Hamburg’ kreative Vorschläge einreichten.

Frauen markieren die Bruchstellen des globalen Gütermarkts
Es wäre töricht, Gräben zwischen Frauen und Männern auszuheben, wo es um Wege aus den Krisen der Gegenwart geht. Entgegen der verbreiteten Meinung, Gender Mainstreaming sei eine gegen Männer gerichtete Strategie, schlägt das Gender Budget Schneisen in das Geflecht einer Ökonomie, deren Parameter sich vorrangig am Wachstum von materiellem Wohlstand orientieren.

Die jüngsten Befunde zum Bürgerhaushalt in Puerto Alegre kennzeichnen eine Entwicklung, bei der es um die Sicherung des Gemeinwohls unter veränderten Bedingungen geht. Frauen repräsentieren dabei die weißen Flecken in der Topografie des ökonomischen Theoriehorizonts, der über viele Jahrhunderte im patriarchalen Ernährerhaushalt verwurzelt war. Die Versorgung von Kindern und Alten im Haushaltsinneren oblag den weiblichen Familienmitgliedern, ohne dass ihrer Tätigkeit Arbeitscharakter zukam. Unter diesen Umständen ist es bis heute nicht gelungen, die Bedeutung des personennahen Bereichs für die Marktökonomie zufriedenstellend darzulegen.

Unter den Voraussetzungen des 21. Jahrhunderts wollen und müssen Frauen eigenes Einkommen erzielen, das oft gleichzeitig Grundlage des Familieneinkommens ist. Sowohl die Arbeitsmärkte als auch die Orientierungen und Fähigkeiten von Männern und Frauen sind jedoch noch immer den alten Strukturen verhaftet. Die Friktionen, die daraus entstehen, müssen von allen, gegenwärtig jedoch vor allem von Frauen und Kindern bewältigt werden.

In keinem anderen Projekt der Moderne wird die Verschränkung zwischen dem steigenden Bedarf an personenbezogenen Diensten, den Lebenschancen von Familien und innovativen Konzepten öffentlichen Wirtschaftens sichtbarer als im Bürgerhaushalt des 21. Jahrhunderts. Dienstleistungen, die nicht unbezahlt erbracht werden, leiden an der sog. Kostenkrankheit, weil sich ihre Arbeitsproduktivität im Vergleich zu Marktgütern wenig steigern lässt. Wo immer gespart werden muss, ist die Versuchung groß, personennahe Dienste dem Rotstift auszuliefern, weil sie zu teuer erscheinen und ihre Erträge nicht kalkulierbar sind.

Aus diesem Grund ist es unabdingbar, Gender-bezogene Fragestellungen in die Konzeption und Auswertung von Bürgerhaushalten einzubeziehen. Kommunale ‚Konsumausgaben’ geraten schneller ins Visier von Sparbeschlüssen als Investitionen in prestigeträchtige Bauten oder Gewerbegebiete. Es wird nicht immer gesehen, dass es dabei auch um Arbeitsplätze von Frauen und Männern geht und um die Sicherung von Versorgungsstrukturen innerhalb und außerhalb der Familien.

Die Expertengruppen des Europarats, die über Gender Mainstreaming und Gender Budgeting nachgedacht haben, waren sich der Reichweite ihrer Konzepte bewusst. Sie zweifelten nicht daran, dass es nicht nur um die Korrektur von Unebenheiten im Geschlechterverhältnis ging, sondern um die Anpassung der Wirtschaftsweise des Industriezeitalters an neue Herausforderungen.

Denkstrukturen und Verfahrensweisen, deren Tauglichkeit für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Ordnung bisher nicht infrage standen, müssen angepasst werden, wenn für die Probleme des 21. Jahrhunderts konstruktive Lösungen gefunden werden sollen.

Zur Autorin
Dr. Elisabeth Stiefel ist Mitglied im Beirat Bürgerhaushalt der Stadt Köln in enger Abstimmung mit der FrauenForum der KölnAgenda und dem Arbeitkreis Kölner Frauenvereinigungen (AKF). Im Rahmen verschiedener Netzwerke der Feministischen Ökonomie engagiert sie sich in der Diskussion zur geschlechtergerechten Gestaltung öffentlicher Haushalte (Gender Budgeting).

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Gastbeitrag | Mehr Geschlechtergerechtigkeit durch Bürgerhaushalte?

Dr. Elisabeth Stiefel

von Dr. Elisabeth Stiefel

Geschlechterverhältnisse im Wandel
Das Wort Gerechtigkeit ist in Mode gekommen, wenn es darum geht, die Geschlechterverhältnisse zu modernisieren. Doch selbst in ökonomisch relevanten Zusammenhängen offenbart der Begriff nicht ohne weiteres, was darunter zu verstehen ist. Gerade diejenigen, die Chancengleichheit von Frauen und Männern für selbstverständlich halten, tendieren oft zur unbedachten Gleichsetzung von Geschlechtergerechtigkeit öffentlicher Haushaltsführung mit einer Fifty-fifty-Zuordnung öffentlicher Gelder.

Solche Meinungen zeigen, dass die Verflochtenheit der Lebenslagen von Frauen, Männern und Familien in die Geschicke der Marktökonomie bisher nicht zur Kenntnis genommen wurde. Die herkömmliche ‚geschlechtsneutrale’ Betrachtungsweise fußte auf der Annahme normierter Geschlechterverhältnisse auf der Folie des traditionellen, von einem Mann unterhaltenen Familienhaushalts. Man hielt es für ausreichend, den Mann in seiner Eigenschaft als Haushaltsvorstand zu betrachten. Frauen und Kinder waren Haushaltsmitglieder und als solche immer mitgemeint.

Diese Haushaltsform hat als sog. Keimzelle, ⅾ.h. als kleinste ökonomische Einheit die Strukturen unseres Wirtschafts‑ und Sozialsystems geprägt. In der Realität ist sie jedoch lange überholt. Längst wird erwartet, dass jede® Erwachsene für sich selber sorgt. Mit der fortschreitenden Individualisierung von Frauen und Männern vollzieht sich eine tief greifende Ausdifferenzierung von Haushaltsformen, die von einer Verschiebung von Ressourcen und Aufgaben begleitet wird. Zeitpotenzial und Kompetenz der Haushalte für eigene Versorgungsleistungen haben abgenommen, Frauenfamilien mit Kindern beklagen darüber hinaus einen Mangel an verfügbarem Einkommen. Karge Frauenlöhne, private Unterhalts‑ und öffentliche Transferzahlungen können das Verschwinden traditioneller Sicherheiten nicht kompensieren. Im überkommenen Gerechtigkeitsdiskurs eröffnet die Geschlechterfrage eine neue Dimension.

Geschlechterverhältnisse und kommunale Daseinsvorsorge beeinflussen sich gegenseitig. Deshalb bedarf es geschärfter Aufmerksamkeit für einen Trend, der sich weiter verstärken wird. Der Orientierung öffentlicher Haushaltsführung am Wandel der Lebenslagen von Frauen und Männern kommt dabei eine Bedeutung zu, die über zeitlich bemessene Lösungsansätze für besondere Problemlagen hinaus reicht. Sie ist ein Meilenstein in der Anpassung überholter Strukturen an die wirtschaftliche Vereinzelung der Bürgerinnen und Bürger im Gefolge des ökonomischen und sozialen Wandels.

Potenziale des Bürgerhaushalts
Zukunftsfähige Planungen in der Kommune brauchen Informationen, die im Rahmen der überkommenen, scheinbar ‚geschlechtsneutralen’ Deutungsmuster für überflüssig gehalten wurden. Eine wichtige Quelle ist die Aufbereitung und erweiterte Auswertung vorhandener Datensammlungen aus der Bevölkerungsstatistik, die in besonderen Fällen durch bereichsspezifische Erhebungen ergänzt werden können. Bevölkerungsumfragen lassen sich nach Lebenslagen und Geschlechtern aufschlüsseln.

Es ist vielfach erwiesen, dass Frauen und Männer für die Entwicklung ihres Gemeinwesens unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Dabei zeigt sich eine auffallende Parallelität ihrer Voten mit den ihnen von Familie und Gesellschaft übertragenen Aufgaben. Männer halten den Ausbau von Gewerbegebieten und Verkehr, den Bau von Sportstätten und Einkaufszentren für besonders wichtig. Dagegen wünschen sich Frauen eher ein verlässliches, stadtweites Angebot an Dienstleistungen in Feldern, die auch Familien zugute kommen (Betreuung, Erziehung, Bildung, Gesundheit u.a.).

Der Wunsch nach dem Vorrang der Sicherung sozialer Dienste steht im Einklang mit den erklärten Zielen moderner Stadtpolitik. Andererseits lehrt die Erfahrung, dass Zeiten der Knappheit oder gar längerfristige Krisen in erster Linie diejenigen Bereiche in Mitleidenschaft ziehen, die auf die Umverteilung von Ressourcen zielen. Die Versuchung ist groß, dort zu sparen, wo Ausgaben in besonderer Weise als Kosten in Erscheinung treten, deren Erträge nicht gemessen werden können.

In der jüngeren Vergangenheit wächst jedoch die Erkenntnis, dass der Abbau sozialer Ungleichheit zwischen arm und reich, Frauen und Männern dem Gemeinwesen als Ganzem zugute kommt. Wenn Chancengleichheit aus dem Blick gerät, ist der soziale Zusammenhalt in Gefahr. Dies gilt nicht nur im Hinblick auf Frauen und Männer, sondern betrifft alle Bevölkerungsgruppen.

Deshalb gelten im internationalen Diskurs sowohl der Bürgerhaushalt (Participatory Budgeting) als auch gendersensible Methoden der Haushaltsführung als zukunftsträchtige Alternativen zu herkömmlichen Modellen der betriebswirtschaftlich orientierten kommunalen Steuerung, die sich am ökonomisch messbaren Aufwand und Ertrag der Produkte des ‚Konzerns Kommune’ orientiert. Beide Verfahren werden in Ländern des Südens, wo sie größere Verbreitung besitzen als in den Industrieländern, vor allem zur Armutsbekämpfung eingesetzt.

In den letzten Jahren entstehen in Nord und Süd Projekte, die mit Elementen aus beiden Konzepten unterschiedliche Ziele verfolgen. Sie sind eingebettet in konkrete lokale Verhältnisse und Besonderheiten, und es ist schwierig, sie im Hinblick auf ihre Übertragbarkeit zu systematisieren. Unabhängig von der jeweiligen Ausformung der neuen Modelle schärft die Geschlechterperspektive jedoch den Blick für die Bedeutung des Sozialen im Haushalt der Kommune, und partizipative Verfahren geben den sich wandelnden Interessen und Bedarfen der Bevölkerung Volumen, Stimme und Gewicht.

Entwicklungen richtig einschätzen
Selbst renommierte Ökonomen monieren in der gegenwärtigen Krise schwerwiegende Fehler im System und seinen theoretischen Grundlagen. Es fehlt eine realistische Einschätzung von Faktoren, die sich nicht gradlinig in Zahlen zum Ausdruck bringen lassen. Dazu gehören die Geschlechterverhältnisse und ihr Einfluss auf die sog. Economy of Care. Von zukunftsfähigen Konzepten kommunalen Haushaltens erwarten kritische Stimmen nicht nur eine halbwegs ausgeglichene Bilanzierung von Kosten und Erträgen, sondern einen Beitrag zu sozialer Gerechtigkeit.

Die Autorin
Dr. Elisabeth Stiefel ist Mitglied im Beirat Bürgerhaushalt der Stadt Köln in enger Abstimmung mit der FrauenForum der KölnAgenda und dem Arbeitkreis Kölner Frauenvereinigungen (AKF). Im Rahmen verschiedener Netzwerke der Feministischen Ökonomie engagiert sie sich in der Diskussion zur geschlechtergerechten Gestaltung öffentlicher Haushalte (Gender Budgeting). Sie ist überzeugt, dass die Überwindung sozialer Spaltung und die Bekämpfung der fortschreitenden Ökonomisierung nicht gelingen kann ohne die reale Gleichstellung von Frauen und Männern. Mehr über Frau Dr. Stiefel erfahren Sie hier >>>

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Köln Agenda: Rück‑ und Ausblicke auf den Kölner Bürgerhaushalt

In der aktuellen Ausgabe der „Köln Agenda – Journal für ein zukunftsfähiges Köln“ nehmen Hille Lammers und Elisabeth Stiefel einen Rück‑ und Ausblick vor:

Der Kölner Bürgerhaushalt
2007 konnten sich erstmals die Kölner Bürger mit konkreten Vorschlägen an der Entwicklung des Kölner Haushalts aktiv beteiligen. Aus insgesamt 4.973 eingegangenen Vorschlägen zu den Themen „Straßen,Wege, Plätze“, „Grünflächen“ und „Sport“ wurden die jeweils 100 am besten bewerteten Vorschläge ausgewählt.

Die Schlussveranstaltung: Zu wenig Diskussion
Der Bürgerhaushalt gliedert sich in die drei Verfahrensschritte Information, Beteiligung und Rechenschaft. Am 30. Oktober 2008 wurde der Rechenschaftsbericht in einer Schlussveranstaltung von Oberbürgermeister Fritz Schramma, dem Stadtkämmerer, dem Beirat und Vertretern der Ratsfraktionen in einer öffentlichen Bürgerdiskussion im Gürzenich vorgestellt. Laut Stadtkämmerer Peter Michael Soénius hatte der Rat insgesamt über 397 Top-Bürgervorschläge entschieden und dafür in den Doppelhaushalt 2008⁄2009 ein Maßnahmenvolumen von rund 8,2 Millionen Euro eingestellt.

In der Veranstaltung wurden u. a. die drei Auszeichnungen präsentiert, welche der Kölner Bürgerhaushalt im vergangenen Jahr erhalten hatte: Den 1. Preis beim „NRW.BANK. Ideenwettbewerb für Kommunen 2008“, den 2. Platz beim „UN Public Service Award 2008“ der Vereinten Nationen sowie den 1. Preis beim nationalen E-Government‑ Wettbewerb. Zugleich wurde ein Ausblick gegeben, wie der Bürgerhaushalt weitergeführt werden soll.

Die inhaltliche Auseinandersetzung um einzelne Entscheidungen kam dabei allerdings viel zu kurz, was einige Bürger und Bürgerinnen sehr bedauerten. Hier sollte beim nächsten Verfahren mehr der Grundfunktion der Veranstaltung entsprochen werden, nämlich, dass die Politiker Rechenschaft über ihre Entscheidungen ablegen. Auch können die Bürger nur fundiert diskutieren, wenn ihnen die Ergebnisse zeitlich ausreichend vorher bekannt sind – der Rechenschaftsbericht war jedoch erst am Tag der Veranstaltung veröffentlicht worden.

Mehr Transparenz durch neues Verfahren
Ein Blick in die Einzelentscheidungen zeigt, dass der allergrößte Teil der hochbewerteten Bürgervorschläge umgesetzt bzw. der Verwaltung übergeben wird, um weitere Planungsverfahren zu überprüfen. Doch wie so oft im Leben, und besonders in der Politik, liegt der Teufel im Detail: Ein Prüfauftrag ist mit Sicherheit fachlich nötig, jedoch beinhaltet er nicht automatisch die Umsetzung eines Bürgervorschlages. Doch auch langwierige Verfahren sollen transparent bleiben, und sie fordern vom Bürger Geduld und den Willen zum „Nachhaken“. Auch folgt nach der fachlichen Prüfung die politische Entscheidung über die Ergebnisse und dieser Prozess ist dann noch lange nicht abgeschlossen. Dies gilt besonders für große Projekte wie die Umgestaltung der Kreuzung Luxemburgerstraße oder der Verkehrsführung am Neumarkt.

Die Verwaltung ist sich dieser Problematik bewusst. Um die Verläufe transparenter zu gestalten, wird daher mit dem nächsten Bürgerhaushalt im Internet ein Verfahren installiert, welches dem Bürger in groben Zügen ermöglichen soll, nachzuverfolgen, ob der angenommene Vorschlag sich weiterhin in der Bearbeitung befindet oder seine Umsetzung schon erfolgt ist.

Rege Beteiligung des Frauenforums

Schon seit vielen Jahren gilt die besondere Aufmerksamkeit des FrauenForums Köln-Agenda der Kölner Haushaltspolitik. Bereits 2004 hatte die Arbeitsgruppe dazu die Studie „Bürgerinnen und Bürger im Spiegel kommunaler Haushaltspolitik“ veröffentlicht, einsehbar unter www.koelnagenda.de.

Im Beirat des Bürgerhaushalts hat sich die Vertreterin des FrauenForums und des Arbeitskreises Kölner Frauenvereinigungen (AKF) dafür eingesetzt, auch im Beteiligungsverfahren den besonderen Belangen von Frauen (und Kindern) Rechnung zu tragen. Eine Umfrage im Vorfeld des Kölner Bürgerhaushalts hatte deutlich gemacht, dass Frauen und Männer unterschiedliche Themen und Beteiligungsformen bevorzugen. Erfahrungen aus anderen Städten bestätigen diese Beobachtung. Deshalb hat beispielsweise die Stadt Freiburg im Sommer 2008 zum ersten Mal im deutschsprachigen Raum einen „Geschlechtersensiblen Beteiligungshaushalt“ durchgeführt.

In Köln haben Vorschläge, die z. B. im Themenbereich Sport die Berücksichtigung der unterschiedlichen Bedürfnisse von Frauen und Männern anmahnten, zu intensiven Diskussionen unter den Teilnehmenden geführt. Das große Interesse führte unter dem Stichwort „Gender Mainstreaming“ zu einer sehr guten Platzierung in der Gesamtauswertung.

Eine von der Stadt Köln für Juni 2009 geplante Fachtagung wird untersuchen, in welcher Form die Grundsätze des Gender-Budgeting in Kölner Bürgerhaushalten Beachtung finden können.

Neue Themen für 2009
Die Themen des Bürgerhaushaltes 2009 wurden von der Kämmerei und der Politik bereits festgelegt: Bildung/Schule und Umweltschutz. Die Ergebnisse werden dann in den Haushalt 2010 einfließen. Weitere Informationen werden im Laufe des Jahres über die Internetseiten des KölnAgenda e.V. www.koelnaganda.de und den städtischen Seiten gegeben. Nach dem Startschuss im Herbst kann wieder vorgeschlagen und bewertet werden. Hoffen wir, dass die städtischen Finanzen bis dahin nicht im Erdreich des U-Bahnbaus verschwunden sind.

Von Hille Lammers und Elisabeth Stiefel

Download der Ausgabe 2009 „Köln Agenda – Journal für ein zukunftsfähiges Köln“ >>>

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