Grundlagen

 

3. Statusbericht: Bürgerhaushalte in Deutschland (März 2010)

Der 3. Statusbericht seit dem Bestehen der Seite Buergerhaushalt.de bietet einen kurzen Überblick über alle auf der Seite dokumentierten Bürgerhaushalt-Kommunen und ihre Status. Alle Kommunen sind nach ihren Status in einer Tabelle gelistet.

140 Kommunen sind inzwischen in die Karte der Bürgerhaushalte in Deutschland aufgenommen. 67 davon sind bereits aktive Kommunen, das heißt sie haben einen Bürgerhaushalt beschlossen (Status „B“), eingeführt („E“), fortgeführt („F“) oder informieren ihre Bürger über den Haushalt („I“) – zum Vergleich im Juli 2009 waren es 58 aktive Kommunen.

Innerhalb der aktiven oder diskutierenden Kommunen gab es außerdem einige Statusänderungen im vergangenen halben Jahr. Für Münster änderte sich der Status von „I“ zu „D“. Bei den Kommunen Ingolstadt, Hürth, Strausberg und Jüterbog änderte sich der Status von „D“ zu „E“. In Solingen und Trier änderte sich der Status zunächst von „D“ zu „B“ und dann weiter zu „E“. Oldenburg veränderte seinen Status von „B“ zu „E“. Für Bad Wildungen änderte sich der Status von „E“ zu „F“.

Seit dem letzten Statusbericht im Juli 2009 ist besonders die Zahl der Kommunen, in denen ein Bürgerhaushalt diskutiert wird – Kommunen mit Status „D“ – angestiegen, von 52 auf 69. Diese Entwicklung zeigt, dass das Thema Bürgerhaushalt besonders in Zeiten knapper Kassen in immer mehr Kommunen zum Thema wird.

Der 3. Statusbericht als PDF zum Download >>>

[mehr]

 

Dokumentation | Internationaler Kongress zum kommunalen Bürgerhaushalt in Berlin im Januar 2010

Bürgerhaushalt Kongress Berlin, Quelle: Zebralog Vom 21. bis 22. Januar 2010 fand in Berlin der erste internationale Kongress zu Modellen des Bürgerhaushaltes statt. Die Veranstaltung der Bundeszentrale für politische Bildung, der Servicestelle Kommunen in der Einen Welt, InWent sowie dem Centre Marc Bloch richtete sich an Entscheidungsträger/innen und Meinungsführer/innen aus Politik und Verwaltung.

Bericht über den Kongress von Carsten Herzberg, Centre Marc Bloch, Berlin >>>

Pressemitteilung von InWent und der Servicestelle Kommunen in der Einen Welt >>>

Über 160 internationale Experten und Praktiker aus 13 Ländern diskutierten über den kommunalen Bürgerhaushalt. Einige Beiträge von Referentinnen und Referenten des Kongresses finden Sie hier als PDF-Dokument veröffentlicht:

Jürgen Behrendt, Amt für E-Government und Online-Dienste, Stadt Köln: Bürgerhaushalt und Internet: Die Erfahrungen der Stadt Köln >>>

Graciela Ciciliani, General Coordinator Participatory Budget, Municipality of Rosario, Argentina: Participatory Budget “Genre-Based Participatory Budget” – The Experience in Rosario – Argentina >>>

Christina Emmrich, Bezirksamt Berlin-Lichtenberg: Bürgerhaushalt im Bezirk Berlin-Lichtenberg >>>

Steve Floros, Toronto Community Housing, Canada: Tenant Engagement & Participatory Budgeting at Toronto >>>

Ernesto Ganuza Fernández, Instituto de Estudios Sociales Avanzados, Spain: How participatory democracy works? Mobilization: who participate and how >>>

Ruth Jackson, PB Unit, Great Britain: Values, Principles and Standards of Participatory Budgeting >>>

Prof. Dr. Helmut Klages, Deutsches Forschungsinstitut für
öffentliche Verwaltung (FöV) Speyer: Warum Bürgerhaushalt – Chancen und Voraussetzungen >>>

Thomas Ködelpeter, Ökologische Akademie e.V., München: Jugendliche und Bürgerhaushalt >>>

Lena Langlet, Swedish Association of Local Authorities and Regions, Stockholm: Participatory Budgeting in Sweden >>>

Ulrike Löhr, Rechtsanwältin und Beigeordnete a. Ⅾ., Düsseldorf: Bürgerhaushalte im föderalen System der Bundesrepublik Deutschland >>>

Dr. Oliver Märker, Zebralog, Berlin/Bonn: Möglichkeiten des Internets für Bürgerhaushalte >>>

Christa Widmaier, Diplom-Soziologin, Bonn: Politische Bildung und Bürgerhaushalt >>>

[mehr]

 

Servicestelle Kommunen in der Einen Welt: Mit Bürgerhaushalt Wandel erreichen

Erfolgreicher internationaler Kongress zum kommunalen Bürgerhaushalt in Berlin
Pressemitteilung vom 26.01.2010

Am 21. und 22. Januar 2010 diskutierten in Berlin über 160 internationale Experten und Praktiker aus 13 Ländern über den kommunalen Bürgerhaushalt. In vielen Teilen der Welt – etwa in Afrika und Südamerika – erweist sich der Bürgerhaushalt als erfolgreiches Instrument der Bürgerbeteiligung. Deutsche Kommunen scheinen – bisher – noch zögerlich zu sein. Die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb, das Centre Marc Bloch und die Servicestelle Kommunen in der Einen Welt/InWEnt gGmbH luden deshalb zum internationalen Erfahrungsaustausch ein. In Foren und Diskussionsrunden analysierten die Teilnehmer die verschiedenen Modelle und Instrumente des Bürgerhaushaltes und ihre Eignung für Deutschland.

Eröffnungspodium Berichte von Bürgerhaushalten in Lateinamerika, Afrika, China, Kanada und Europa stießen bei den Vertretern aus deutschen Kommunen dabei auf großes Interesse, auch wenn Instrumente oft nicht eins zu eins übertragbar sind. „Bestimmte Elemente, Instrumente und Erfahrungen des Bürgerhaushaltes können und sollen ausgetauscht, übernommen, revidiert und angepasst werden“, sagte Thomas Krüger, Präsident der bpb. „Der Bürgerhaushalt ist und kann ein erfolgreiches Beteiligungsinstrument für alle Bürgerinnen und Bürger werden; für Menschen mit Migrationshintergrund, Männer und Frauen, Jugendliche und Senioren.“

So fand beispielsweise ein in der senegalesischen Gemeinde Fissel praktizierter Bürgerhaushalt viel Beachtung und Anerkennung. „Afrika ist hier viel weiter als wir!“, stellte einer der Teilnehmer fest. Anita Reddy, Abteilungsleiterin der Servicestelle Kommunen in der Einen Welt/InWEnt, SKEW, ergänzt: „Afrika ist ein Kontinent, der reich an sehr unterschiedlichen Beispielen des Bürgerhaushalts ist. Das könnte in Zukunft zu neuen Modellen führen, in denen Demokratisierung als ein wesentliches Thema erfasst wird, die aber auch die Verteilung von Ressourcen, den Zugang zu Bildung, Wissen und politische Einflussnahme einbeziehen.“

Doch beim Bürgerhaushalt geht es um mehr als die Verteilung knapper Ressourcen: er mobilisiert Menschen zur Teilhabe an Demokratie, fördert soziale Gerechtigkeit, politische Bildung und Armutsbekämpfung. Wichtig ist dabei sowohl die Einbettung des Bürgerhaushaltes in ein nachhaltiges kommunales Beteiligungskonzept als auch die Transparenz des Verfahrens. Allerdings ist es schwierig, die gelungene Implementation sichtbar zu machen, denn die Wirkung eines Bürgerhaushaltes ist nur schwer messbar.

Doch angesichts vieler neuer Herausforderungen der Kommunen bietet sich der Bürgerhaushalt als ein Instrument an, um den Wandel mitzugestalten. „Wandel ist eine inhärente Eigenschaft des Bürgerhaushaltes, er inspiriert Menschen, etwas zum Guten zu verändern,“ bilanziert Josh Lerner von der New School for Social Research in New York. „Deshalb muss ein Bürgerhaushalt nicht perfekt sein: beginnen Sie einfach und verbessern Sie ihren Haushalt Jahr für Jahr.“

Die Veranstaltung war hierfür ein interessanter Impulsgeber. Dr. Béatrice von Hirschhausen, Stellvertretende Direktorin des Centre Marc Bloch (cmb), sagt: „Ein spannender und anregender Kongress, der den nationalen und internationalen Erfahrungsaustausch befördern soll.“

Antworten, Ideen und Kontakte mit Experten, wie dem nationalen Netzwerk der Bürgerhaushälter, bietet die bpb und die Servicestelle Kommunen in der Einen Welt/InWEnt.

Quelle, InWEnt, Servicestelle Kommunen in der Einen Welt >>>

[mehr]

 

Neue Publikation: Der Bürgerhaushalt in Rosario

Der Bürgerhaushalt in Rosario (Argentinien) In Argentinien setzen mehrere Städte den Bürgerhaushalt um. Die Stadt Rosario (ca. 1 Mio. Einwohner) implementierte das Verfahren im Jahr 2002 als erste Stadt des Landes und konnte ähnlich wie Porto Alegre internationale Aufmerksamkeit als Beispiel für eine gute Regierungsführung auf sich ziehen. In der internationalen Forschung hingegen wurde der Bürgerhaushalt von Rosario bisher jedoch weniger berücksichtigt. Eva Roeder beleuchtet im Rahmen dieser Publikation detailliert die Erfahrungen in Rosario und untersucht neben den Lernerfahrungen der Bürger-Delegierten auch den Jugend-Bürgerhaushalt sowie den spezifische Gender-Ansatz.

Eva Roeder: „Der Bürgerhaushalt in Rosario (Argentinien) – Ein Beitrag zur Demokratisierung der lokalen Ebene“ Erschienen im LIT-Verlag in der Reihe/Region – Nation – Europa,/Bd. 60, ISBN 978–3–643–10508–0.
Zur Verlagsseite: http://www.lit-verlag.de/isbn/3–643–10508–0.

[mehr]

 

Evaluation des Kölner Bürgerhaushalts

Der Kölner Bürgerhaushalt wird zurzeit von der Universität Bielefeld im Auftrag der Stadt Köln evaluiert. Dies ist sehr begrüßenswert, da die Evaluation von Bürgerhaushalten – und von Beteiligungsverfahren im Allgemeinen – bislang vernachlässigt wird. Bislang wurde nur der Lichtenberger Bürgerhaushalt durch externe, unabhängige Wissenschaftler untersucht. Dadurch fehlt es an der Möglichkeit, Beteiligungsverfahren systematisch zu vergleichen und (auch dadurch) weiter zu verbessern. Über die Untersuchungsergebnisse werden wir hier berichten.

Zurzeit läuft eine Online-Befragung, die sich an die über 10.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des 2. Kölner Bürgerhaushaltes wendet, also an die Teilnehmenden, die sich auf der Plattform (http://buergerhaushalt.stadt-koeln.de) registriert haben.

Hier geht es zu der Infoseite der Universität Bielefeld:
http://www.uni-bielefeld.de/iwt/projekte/koeln/

Eine umfassende Evaluation wurde zum Bürgerhaushalt im Berliner Bezirk Lichtenberg durchgeführt. Hierzu gibt es eine Veröffentlichung:

Klages, Helmut und Carmen Daramus (2007): „‚Bürgerhaushalt Berlin-Lichtenberg‘. Partizipative Haushaltsplanaufstellung, –entscheidung und –kontrolle im Bezirk Lichtenberg von Berlin. Begleitende Evaluation des ersten Durchlaufs. Abschlussbericht.“

[mehr]

 

Parteien setzen bei Spardebatte auf Bürgerhaushalt

Ein Beitrag aus dem Online-Portal DerWESTEN berichtet über die Einführung eines Bürgerhaushalte in Essen. Im Vordergrund steht in Essen ausschließlich: das Sparen. So heißt es in dem Beitrag „Parteien setzen bei Spardebatte auf Bürgerhaushalt“ von Tobias Blasius vom 22.12.2009 unter anderem:

Es ist kein gewöhnlicher Etat, der da in Vorbereitung ist. Mit dem nächsten Haushalt, über den im Frühjahr der Stadtrat zu befinden hat, will der neue Oberbürgermeister Reinhard Paß (SPD) einen drastischen Sparkurs einleiten, um die vollkommene Überschuldung Essens noch abzuwenden.

Das Sparziel ist bereits formuliert. Um knapp 127 Millionen Euro sollen die Haushaltsansätze des „Konzerns Stadt“, wie Rathaus und Stadttöchter sich nennen, gekürzt werden. Allein 100 Millionen Euro müssen in der Kernverwaltung gespart werden. Der mit 86 Millionen Euro größte Streichposten ist für den größten Verwaltungsbereich Soziales, Bildung, Jugend von Dezernent Peter Renzel (CDU) vorgesehen. Nur verantwortet dieser auch die meisten gesetzlichen Pflichtausgaben, an denen selbst eine resolute Sparpolitik nicht vorbeikommt.

OB Paß und der neue Kämmerer Lars-Martin Klieve (CDU) haben deshalb die Losung ausgegeben, dass das Einsparziel nicht verhandelbar sei, der Weg dorthin aber sehr wohl.

Lesen Sie hier den gesamten Beitrag aus DERWESTEN >>>

Der Bürgerhaushalt wird zunehmend – dafür steht neben Essen auch die Stadt Solingen – als ein Instrument verstanden, die Bürgerinnen und Bürger beim Sparen als Ratgeber und Pritoritätensetzer einzubeziehen. Man will die Scheere also nicht ohne das Feedback der Bürgerinnen und Bürger ansetzen. Es wird daher spannend sein, wie sich dadurch das Instrument Bürgerhaushalt in all seiner Vielfalt weiter entwickeln wird, wie genau diese „Spar-Bürgerhaushalte“, die von Kämmerer Ralf Weeke und dem Oberbürgermeister Norbert Feith (beide Stadt Solingen) auch als „bürgerbeteiligte Haushaltssicherung“ bezeichnet werden, ausgestaltet werden. Zum anderen wird zu beobachten sein, wie diese Form der Bürgerbeteiligung bei den Bürgerinnen und Bürgern ankommen wird. „Ausgerechnet beim Sparen sollen wir beteiligt werden?“ ist die eine Seite, die andere, das viele Wissen, dass es zum Sparen kaum Alternativen gibt, zumal die Schuldenproblematik nicht nur in den Rathäusern, sondern auch durch strukturelle Probleme zu verantworten sind, die sich dem direkten Einflussbereich der Kommunalpolitik entziehen.

[mehr]

 

neue Literatur: Bürgerbeteiligung und Macht und Bürgerhaushalte in Europa

Zwei neue Titel im Bereich Bürgerbeteiligung und neue Medien sind kürzlich erschienen:

„Von der Bürger zur Solidarkommune – Lokale Demokratie
in Zeiten der Globalisierung“
von Carsten Herzberg:

Ausgehend von den Bürgerhaushalten in Deutschland und einigen internationalen Beispielen diskutiert Carsten Herzberg die Frage der Macht bei Verfahren der Bürgerbeteiligung. Welchen Einfluss haben Bürger auf die lokale Demokratie, wie kann Partizipation zu einer Entlastung von Kommunen in Zeiten der Globalisierung beitragen?

Und „Der Bürgerhaushalt in Europa – eine realistische Utopie?“ von Yves Sintomer, Carsten Herzberg und Anja Röcke:

Es gibt eine Wahlverwandtschaft von Partizipation und Verwaltungsmodernisierung – dies ist die zentrale These des Buches, die anhand einer systematisch-vergleichenden Studie zum Bürgerhaushalt in Europa vorgestellt wird. Bürgerhaushalte gehören zu den innovativsten
Verfahren der Bürgerpartizipation heute und haben sich während der letzten Jahre in mehreren europäischen Ländern entwickelt. In diesem Buch werden die Verfahrensweise und Ergebnisse der Bürgerhaushalte in Europa vorgestellt sowie eine Typologie der partizipativen Demokratie allgemein. Darüber hinaus gibt das Buch Einblick in die Parallelen und Differenzen lokalpolitischer Systeme und der (lokalen) Demokratie in Europa heute.

[mehr]

 

Gastbeitrag | Bürgerhaushalte als elektronisch unterstütztes Verwaltungsverfahren

Guido Kahlenvon Guido Kahlen

Als erste deutsche Großstadt führte Köln einen Bürgerhaushalt auf Basis des Neuen Kommunalen Finanzmanagements durch. Mit dem Pilotprojekt zum Bürgerhaushalt 2008 wurde dabei gleichzeitig „E-Participation“ als neuer Service der Stadtverwaltung eingeführt, der das Ziel verfolgt, Bürgerbeteiligung mit Hilfe des Internets effektiv, transparent und handlungsorientiert zu unterstützen. Köln hat damit ein national sowie international viel beachtetes Projekt zur Entwicklung einer modernen Bürgerkommune erfolgreich in die Tat umgesetzt. Dieser Weg wird durch Beschluss des Stadtrates getragen, fortgeführt und ausgebaut.

War das Internet bis vor kurzem eher ein Informationspool einiger weniger „Eingeweihter“, die sporadisch auch eigene Inhalte veröffentlichten ist das sog. Web 2.0 mittlerweile in aller Munde.
Mit dem Begriff Web 2.0 verbindet sich der Gedanke, aus dem Internet einen virtuellen Ort der Partizipation und gemeinsamen Problemlösung zu machen. Gerade wir als Kommune können dieses Prinzip nutzen, indem wir Bürger stärker an Planungs‑ und Entscheidungsprozessen beteiligen. Unter den derzeit praktizierten Beteiligungsverfahren ragen vor allem solche zur Haushaltsplanung hervor, denn wie viele andere Kommunen in Deutschland rechnet auch Köln für die nächsten Jahre mit großen wirtschaftpolitischen Herausforderungen.

Warum sollte man diese Herausforderung ohne Konsultation der Bürger annehmen? In einer Zeit, in der Millionen Menschen die gängigen interaktiven Internet-Plattformen aktiv nutzen um sich mitzuteilen, sich am täglichen Geschehen beteiligen und an gemeinsamen Projekten mitwirken wollen. Wir in der Kommune haben diese Entwicklung lange Zeit nur als »Zaungast« beobachtet. Es geht nun darum, dieses Partizipationsverhalten aufzunehmen und uns aktiver in das mediale Geschehen und die Dialoge einzubringen. Dabei gilt es, nicht den Fehler zu machen, die Kommunikationsmöglichkeiten die das „Web 2.0“ bietet und die vom Bürger als „State of the Art“ erwartet werden, außer Acht zu lassen. Wie die direkte Kommentierung von Artikel in den Internet-Ausgaben vieler Zeitungen müssen Partizipationsverfahren Dialog-orientiert, leicht zugänglich, schnell und übersichtlich sein. Das Thema E-Partizipation ist relevanter Bestandteil unserer E-Government-Strategie. Wir dürfen die Gestaltung dieses zusätzlichen, jedoch immer wichtiger werdenden öffentlichen Raumes nicht ausschließlich der Web 2.0 Generation oder der Wirtschaft überlassen.

In Köln haben wir unser Projekt vorrangig unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit betrachtet. Erfolg hat Bürgerbeteiligung wenn mehrere Herausforderungen gemeistert werden: Das Verfahren ist zum einen so zu gestalten, dass es in den Alltagswelten der Bürger der Kommune Resonanz findet und zur Beteiligung motiviert; zum anderen ist das Verfahren auch in den politischen und behördlichen Alltag möglichst reibungsarm zu integrieren. Beide Verankerungen verlangten eine technisch-organisatorische Gestaltung des Verfahrens. Gleichzeitig wollten wir das Projekt im Rahmen unserer E-Partizipation-Strategie auch als integralen Bestandteil des Ideen‑ und Wissensmanagements der kommunalen Verwaltung verstanden wissen. Sieht man diese Arbeiten im Gesamtkontext mit dem Projekt D115 und der Umsetzung der EU-DLR, zeigt sich die Stadt Köln als eine moderne, kundenorientierte Verwaltung.

Der Autor
Guido Kahlen ist seit Juni 2006 Stadtdirektor der Stadt Köln. Er leitet das Dezernat Ⅰ – Allgemeine Verwaltung, Ordnung und Recht und hat das Projekt Kölner Bürgerhaushalt von Anfang an verantwortlich begleitet.

[mehr]

 

Gastbeitrag | Mehr Geschlechtergerechtigkeit durch Bürgerhaushalte?

Dr. Elisabeth Stiefelvon Dr. Elisabeth Stiefel

Geschlechterverhältnisse im Wandel
Das Wort Gerechtigkeit ist in Mode gekommen, wenn es darum geht, die Geschlechterverhältnisse zu modernisieren. Doch selbst in ökonomisch relevanten Zusammenhängen offenbart der Begriff nicht ohne weiteres, was darunter zu verstehen ist. Gerade diejenigen, die Chancengleichheit von Frauen und Männern für selbstverständlich halten, tendieren oft zur unbedachten Gleichsetzung von Geschlechtergerechtigkeit öffentlicher Haushaltsführung mit einer Fifty-fifty-Zuordnung öffentlicher Gelder.

Solche Meinungen zeigen, dass die Verflochtenheit der Lebenslagen von Frauen, Männern und Familien in die Geschicke der Marktökonomie bisher nicht zur Kenntnis genommen wurde. Die herkömmliche ‚geschlechtsneutrale’ Betrachtungsweise fußte auf der Annahme normierter Geschlechterverhältnisse auf der Folie des traditionellen, von einem Mann unterhaltenen Familienhaushalts. Man hielt es für ausreichend, den Mann in seiner Eigenschaft als Haushaltsvorstand zu betrachten. Frauen und Kinder waren Haushaltsmitglieder und als solche immer mitgemeint.

Diese Haushaltsform hat als sog. Keimzelle, ⅾ.h. als kleinste ökonomische Einheit die Strukturen unseres Wirtschafts‑ und Sozialsystems geprägt. In der Realität ist sie jedoch lange überholt. Längst wird erwartet, dass jede® Erwachsene für sich selber sorgt. Mit der fortschreitenden Individualisierung von Frauen und Männern vollzieht sich eine tief greifende Ausdifferenzierung von Haushaltsformen, die von einer Verschiebung von Ressourcen und Aufgaben begleitet wird. Zeitpotenzial und Kompetenz der Haushalte für eigene Versorgungsleistungen haben abgenommen, Frauenfamilien mit Kindern beklagen darüber hinaus einen Mangel an verfügbarem Einkommen. Karge Frauenlöhne, private Unterhalts‑ und öffentliche Transferzahlungen können das Verschwinden traditioneller Sicherheiten nicht kompensieren. Im überkommenen Gerechtigkeitsdiskurs eröffnet die Geschlechterfrage eine neue Dimension.

Geschlechterverhältnisse und kommunale Daseinsvorsorge beeinflussen sich gegenseitig. Deshalb bedarf es geschärfter Aufmerksamkeit für einen Trend, der sich weiter verstärken wird. Der Orientierung öffentlicher Haushaltsführung am Wandel der Lebenslagen von Frauen und Männern kommt dabei eine Bedeutung zu, die über zeitlich bemessene Lösungsansätze für besondere Problemlagen hinaus reicht. Sie ist ein Meilenstein in der Anpassung überholter Strukturen an die wirtschaftliche Vereinzelung der Bürgerinnen und Bürger im Gefolge des ökonomischen und sozialen Wandels.

Potenziale des Bürgerhaushalts
Zukunftsfähige Planungen in der Kommune brauchen Informationen, die im Rahmen der überkommenen, scheinbar ‚geschlechtsneutralen’ Deutungsmuster für überflüssig gehalten wurden. Eine wichtige Quelle ist die Aufbereitung und erweiterte Auswertung vorhandener Datensammlungen aus der Bevölkerungsstatistik, die in besonderen Fällen durch bereichsspezifische Erhebungen ergänzt werden können. Bevölkerungsumfragen lassen sich nach Lebenslagen und Geschlechtern aufschlüsseln.

Es ist vielfach erwiesen, dass Frauen und Männer für die Entwicklung ihres Gemeinwesens unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Dabei zeigt sich eine auffallende Parallelität ihrer Voten mit den ihnen von Familie und Gesellschaft übertragenen Aufgaben. Männer halten den Ausbau von Gewerbegebieten und Verkehr, den Bau von Sportstätten und Einkaufszentren für besonders wichtig. Dagegen wünschen sich Frauen eher ein verlässliches, stadtweites Angebot an Dienstleistungen in Feldern, die auch Familien zugute kommen (Betreuung, Erziehung, Bildung, Gesundheit u.a.).

Der Wunsch nach dem Vorrang der Sicherung sozialer Dienste steht im Einklang mit den erklärten Zielen moderner Stadtpolitik. Andererseits lehrt die Erfahrung, dass Zeiten der Knappheit oder gar längerfristige Krisen in erster Linie diejenigen Bereiche in Mitleidenschaft ziehen, die auf die Umverteilung von Ressourcen zielen. Die Versuchung ist groß, dort zu sparen, wo Ausgaben in besonderer Weise als Kosten in Erscheinung treten, deren Erträge nicht gemessen werden können.

In der jüngeren Vergangenheit wächst jedoch die Erkenntnis, dass der Abbau sozialer Ungleichheit zwischen arm und reich, Frauen und Männern dem Gemeinwesen als Ganzem zugute kommt. Wenn Chancengleichheit aus dem Blick gerät, ist der soziale Zusammenhalt in Gefahr. Dies gilt nicht nur im Hinblick auf Frauen und Männer, sondern betrifft alle Bevölkerungsgruppen.

Deshalb gelten im internationalen Diskurs sowohl der Bürgerhaushalt (Participatory Budgeting) als auch gendersensible Methoden der Haushaltsführung als zukunftsträchtige Alternativen zu herkömmlichen Modellen der betriebswirtschaftlich orientierten kommunalen Steuerung, die sich am ökonomisch messbaren Aufwand und Ertrag der Produkte des ‚Konzerns Kommune’ orientiert. Beide Verfahren werden in Ländern des Südens, wo sie größere Verbreitung besitzen als in den Industrieländern, vor allem zur Armutsbekämpfung eingesetzt.

In den letzten Jahren entstehen in Nord und Süd Projekte, die mit Elementen aus beiden Konzepten unterschiedliche Ziele verfolgen. Sie sind eingebettet in konkrete lokale Verhältnisse und Besonderheiten, und es ist schwierig, sie im Hinblick auf ihre Übertragbarkeit zu systematisieren. Unabhängig von der jeweiligen Ausformung der neuen Modelle schärft die Geschlechterperspektive jedoch den Blick für die Bedeutung des Sozialen im Haushalt der Kommune, und partizipative Verfahren geben den sich wandelnden Interessen und Bedarfen der Bevölkerung Volumen, Stimme und Gewicht.

Entwicklungen richtig einschätzen
Selbst renommierte Ökonomen monieren in der gegenwärtigen Krise schwerwiegende Fehler im System und seinen theoretischen Grundlagen. Es fehlt eine realistische Einschätzung von Faktoren, die sich nicht gradlinig in Zahlen zum Ausdruck bringen lassen. Dazu gehören die Geschlechterverhältnisse und ihr Einfluss auf die sog. Economy of Care. Von zukunftsfähigen Konzepten kommunalen Haushaltens erwarten kritische Stimmen nicht nur eine halbwegs ausgeglichene Bilanzierung von Kosten und Erträgen, sondern einen Beitrag zu sozialer Gerechtigkeit.

Die Autorin
Dr. Elisabeth Stiefel ist Mitglied im Beirat Bürgerhaushalt der Stadt Köln in enger Abstimmung mit der FrauenForum der KölnAgenda und dem Arbeitkreis Kölner Frauenvereinigungen (AKF). Im Rahmen verschiedener Netzwerke der Feministischen Ökonomie engagiert sie sich in der Diskussion zur geschlechtergerechten Gestaltung öffentlicher Haushalte (Gender Budgeting). Sie ist überzeugt, dass die Überwindung sozialer Spaltung und die Bekämpfung der fortschreitenden Ökonomisierung nicht gelingen kann ohne die reale Gleichstellung von Frauen und Männern. Mehr über Frau Dr. Stiefel erfahren Sie hier >>>

[mehr]

 

2. Statusbericht: Bürgerhaushalte in Deutschland (Juli 2009)

Vor genau zwei Jahren ging die Seite http://www.Buergerhaushalt.de der Bundeszentrale für Politische Bildung und der Servicestelle Kommunen in der Einen Welt online. Auf der Plattform wird seither dokumentiert, was sich deutschlandweit tut im Bereich Bürgerbeteiligung am kommunalen Haushalt. In die Karte „Bürgerhaushalte in Deutschland“ werden alle Kommunen aufgenommen, die sich mit dem Thema Bürgerhaushalt aktiv beschäftigen – und ihre Aktivitäten zum Beispiel über die Presse oder das Internet bekannt werden. Am 1. Juli 2009 sind das 115 Kommunen. Zum Zeitpunkt des letzten Statusberichts Anfang Dezember 2008 waren 67 Kommunen in der Karte verzeichnet.

In den letzten sieben Monaten sind 48 neue Kommunen aufgenommen worden. Das zeigt, dass das Thema Bürgerhaushalt nach wie vor aktuell ist und bekannter wird. Besonders viele Kommunen mit dem Status „D“ (= Bürgerhaushalt in Diskussion) sind neu aufgenommen worden. In diesem Kommunen ist die Einführung eines Bürgerhaushalts Diskussionsthema, aber noch nicht beschlossene Sache. Oftmals wird das Thema Bürgerhaushalt im Wahlkampf aktuell. Wie zum Beispiel jüngst in Münster. Dort und in den anderen „D-Kommunen“ wird es spannend sein, die weitere Entwicklung zu verfolgen.

Auch die Zugriffe auf das Informationsportal Buergerhaushalt.de sind angestiegen. Waren es im Juni 2008 durchschnittlich 343 Besuche pro Tag, so wurde die Plattform im Juni 2009 bereits 631-mal pro Tag besucht. 34.968 Seitenaufrufe von 3426 Nutzern gab es im Juni 2008. Im Juni 2009 wurden 63.766 Seiten von 6521 unterschiedlichen Nutzern besucht. Die Grafik der Besuche pro Tag Juni 2007 bis Juni 2009 zeigt diesen Aufwärtstrend, nämlich dass die Besuche pro Tag kontinuierlich zunehmen, die Plattform seit ihrer Einführung immer bekannter und häufiger aufgerufen wird (Zum Vergrößern auf die Grafik klicken).

besuche-pro-tag3.jpg

Aktuelle Zahlen

115 Kommunen sind inzwischen in der Karte der Bürgerhaushalts-Kommunen mit ihrem aktuellen Status verzeichnet:

Diskutiert wird die Einführung eines Bürgerhaushalts in 52 Kommunen, darunter zum Beispiel in Münster und in Waren an der Müritz. Diese Kommunen haben in der Karte den Status „D“ erhalten. „D“ = Diskussion: Die Einführung eines Bürgerhaushaltes wird in der Kommune diskutiert. Der Bürgerhaushalt wird z.B. von einer Partei oder einer nicht-staatlichen Organisation eingefordert. Die Einführung ist oft umstritten. Ein Ratsbeschluss zur Einführung liegt nicht vor.

Im Dezember 2008 waren es nur 13 Kommunen die den Status „D“ hatten. Diese Gruppe der „diskutierenden Kommunen“ hat sich also vervierfacht und damit mit Abstand am stärksten vergrößert. Es wird interessant sein, diese Kommunen weiter zu beobachten, da die Diskussion meist der erste Schritt auf dem Weg der Einführung eines Bürgerhaushalts ist. Oder aber die Diskussion kommt im Wahlkampf auf und wird danach möglicherweise nicht weitergeführt.

Den Status „A“ haben zurzeit fünf Kommunen inne. Die meisten von ihnen hatten bereits einen Bürgerhaushalt oder waren dabei ihn einzuführen, das Verfahren wurde nicht mehr weitergeführt oder ruht auf unbestimmte Zeit. Dazu gehört zum Beispiel die Stadt Esslingen (Neckar) oder auch die NRW-Modellstadt Hamm. „A“ = Abstellgleis: Der Bürgerhaushalt oder Vorformen, wie z.B. Bürgerinformationsveranstaltungen, werden nicht mehr durchgeführt. Die Einführung oder Fortführung des Bürgerhaushaltes wurde abgebrochen oder war nicht vorgesehen.

58 Kommunen sind derzeit aktiv, ⅾ.h. sie haben einen Bürgerhaushalt beschlossen (Status „B“), eingeführt (Status „E“), fortgeführt (Status „F“) oder arbeiten mit einem sogenannten Lesbaren Haushalt (Status „I“). Das sind zehn aktive Kommunen mehr als im Dezember 2008.

Die Einführung eines Bürgerhaushaltes beschlossen wurde in fünf Kommunen. Darunter zum Beispiel kürzlich in Gütersloh und in Trier. In beiden Städten änderte sich der Status in den letzten Monaten von „D“ zu „B“. In Trier mittlerweile sogar zu „E“ (siehe unten). Den Status „B“ haben in der Karte momentan also vier Städte inne. „B“ = Beschluss: Die Einführung eines Bürgerhaushaltes wurde durch den Rat (im besten Fall: einstimmig) beschlossen. Ein Ratsbeschluss liegt vor.

30 Städte und Gemeinden in Deutschland haben einen Bürgerhaushalt eingeführt. Im Dezember 2008 waren es 23 Kommunen, dazu gehören neben Hamburg und Köln Städte wie Bergheim, Freiburg, Trier oder Wiesbaden und kleinere Gemeinden wie Friedewald in Osthessen oder Großbreitenbach im Ilm-Kreis in Thüringen. In Wiesbaden und Trier änderte sich der Status in diesem Jahr bereits zweimal – von „Diskussion“ über „Beschluss“ zu „Einführung“. Diese 30 Gemeinden sind auf der Karte mit dem Status „E“ verzeichnet. „E“ = Einführung: Der Bürgerhaushalt wird zum 1. oder 2. Mal durchgeführt. Die Öffentlichkeit wird nicht nur über den Haushalt Informiert (z.B. durch eine Broschüre), sondern auch konsultiert: Sie hat die Möglichkeit, Verwaltungsvorschläge zu bewerten und/oder eigene Vorschläge einzubringen, zu diskutieren und zu bewerten. Darüber hinaus ist eine Rückmeldung darüber vorgesehen (Rechenschaft), ob und wie die Bürgervorschläge berücksichtigt wurden.

Acht Kommunen haben derzeit den höchsten Status „F“ inne. Zum Beispiel sind in Hilden, im Berliner Stadtbezirk Lichtenberg oder in Potsdam die Bürgerhaushalte inzwischen ein etabliertes Instrument bei der Haushaltsplanung und werden dort regelmäßig durchgeführt. „F“ = Fortführung: Der Bürgerhaushalt wird zum dritten Mal oder häufiger durchgeführt. Es zeichnet sich (erst jetzt) ab, dass die Beteiligung der Bürger ein fester und dauerhafter Bestandteil des Haushaltsplanungsverfahrens werden könnte/wird.

16 Kommunen haben einen Lesbaren Haushalt eingeführt und den Status „I“ erhalten. Unter anderem in Halle (Saale) oder Neuss wird bereits über den Haushalt informiert, die Bürger werden aber (noch?) nicht konsultiert. „I“ = Information: die Bürgerbeteiligung befindet sich (oder verharrt) auf der 1. Stufe: Die Bürgerinnen und Bürger werden über den Haushalt und die Haushaltsplanungen informiert, z.B. mittels Broschüren oder Informationsveranstaltungen. Eine Konsultation ist (noch oder dauerhaft) nicht oder nur in Ansätzen vorgesehen. Diese Städte informieren ihre Bürger bereits über den Haushalt, was oftmals der erste Schritt auf dem Weg zu einem Bürgerhaushalt ist.

In der Tabelle sind alle Status und ihre Anzahl im Überblick zu sehen:

Statustabelle

Folgende Kommunen sind auf der Karte (Stand 01.07.2009) zu den jeweiligen Status eingetragen:

B: Chemnitz, Gütersloh, Kirchanschöring, Oldenburg

E: Bad Wildungen, Bad Hersfeld, Bannewitz, Bergheim, Bergisch Gladbach, Berlin Charlottenburg-Wilmersdorf, Berlin Friedrichshain-Kreuzberg, Berlin Neukölln, Berlin Spandau, Berlin Tempelhof-Schöneberg, Berlin Treptow-Köpenick, Bornheim, Cottbus, Diepholz, Erfurt, Freiburg, Golm, Großbreitenbach, Hamburg, Heilbad Heiligenstadt, Jena, Köln, Leipzig, Much, Plettenberg, Steinfurt, Suhl, Trier, Wolgast, Wiesbaden

F: Rheinstetten, Potsdam, Hilden, Groß-Umstadt, Emsdetten, Bonn, Berlin Marzahn-Hellersdorf, Berlin Lichtenberg

Ⅰ: Borkheide, Bremen Walle, Duisburg, Eichenau, Eisenach, Halle Saale, Landau, Landkreis Gießen, Moers, Neuss, Pulheim, Rostock, Salzgitter, Velten, Wenden, Wölfersheim

Ⅾ: Bad Wörishofen, Belzig, Blankenheim, Bochum, Brandenburg an der Havel, Bremen, Bünde, Coesfeld, Dülmen, Ettenheim, Frankfurt am Main, Friedewald, Ganderkesee, Hürth, Ingolstadt, Isny, Jüterbog, Kehl, Kiel, Köthen, Kyritz, Landkreis Cuxhaven, Landkreis Nordhausen, Landkreis Bad Kreuznach, Langenhagen, Lemwerder, Lengerich, Leverkusen, Ludwigshafen, Mainz, Mönchengladbach, Münster, Neustadt an der Weinstraße, Norderstedt, Nordhausen, Oestrich-Winkel, Offenheim, Pforzheim, Quedlinburg, Schorndorf, Schotten, Solingen, Straussberg, Trossingen, Viernheim, Waren Müritz, Werl, Westerstede, Westhausen, Witten, Wuppertal, Zülpich

A: Castrop-Rauxel, Esslingen, Hamm, Monheim, Vlotho.

Das nachfolgende Diagramm visualisiert die Status der 115 Bürgerhaushalt-Kommunen und zeigt dabei deutlich die größte Gruppe, die Kommunen mit dem Status „D“ (Diskussion). Diese Gruppe ist im letzten halben Jahr stark gewachsen und zeigt sehr eindrücklich, dass Bürgerhaushalte in immer mehr Städten und Gemeinden ein Thema in der politischen Diskussion sind.

Status 2009

Die Grafik „Neu aufgenommene Kommunen auf Buergerhaushalt.de Juni 2008 bis Juni 2009“ stellt dar, wie viele Kommunen in den einzelnen Monaten des letzten Jahres neu in die Karte aufgenommen wurden. Zwar mit Schwankungen, aber auch in dieser Grafik kann man verfolgen, dass die Anzahl tendenziell stetig weiter zunimmt.

neu aufgenommene Kommunen Juni 08 bis Juni 09

Der Statusbericht zum Download als PDF-Dokument >>>

[mehr]

 

Diskussionspapier: Ist ein grüner Bürgerhaushalt möglich?

Zusammenfassung des Diskussionspapiers zum Thema Bürgerhaushalt der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen Berlin von Oliver Schruoffeneger und Carsten Herzberg.

Ist ein grüner Bürgerhaushalt möglich?

INHALT
1. Gibt es einen grünen Bürgerhaushalt?
2. Die Entwicklung des Bürgerhaushalts in Deutschland
2.1 Christchurch statt Porto Alegre als Vorbild
2.2 Auf der Suche nach neuen Wegen
3. Rahmenkonzept: Empowerment und Diskussion zentraler Fragen
3.1 Flächendeckende Quartiersfonds
3.2 Bezirks‑/Stadtebene: Ausarbeitung von Alternativkonzepten
3.3 Verbindung der Ebenen
3.4 Finanzierung und politische Steuerung
4. Varianten
4.1 Eine stärkere Beteiligung von Vereinen und Stadtteilinitiativen
4.2 Stärkung des Quartiersansatzes
4.3 Ko-Finanzierungen, Verteilungskriterien etc.
5. Für eine hohe Beteiligung
5.1 Instrumente der Mobilisierung
5.2 Auf den richtigen Mix kommt es an

Carsten Herzberg und Oliver Schruoffeneger diskutieren in ihrem Papier die Fragen: Gibt es einen grünen Bürgerhaushalt? Und wie müsste ein solcher Bürgerhaushalt aussehen? In diesem Zusammenhang erörtern sie ob und wie Parteien Bürgerhaushalte für ihre Themen nutzen und kommen zu dem Schluss, dass Bürgerhaushalte immer auch die Interessen ihrer Initiatoren mit vertreten sollen und kein völlig neutrales Instrument sind.

Ein Ergebnis des Diskussionsprozesses war die Erkenntnis, dass ein Bürgerhaushalt nicht wertfrei ist. Auch wenn formal oft auf einen überparteilichen Konsens verwiesen wird, so hat doch jede Partei – ob ausgesprochen oder nicht – konkrete Ziele im Auge, die sie mit einem solchen Verfahren erreichen will.

In Abgrenzung zu anderen Parteien stellen die Grünen in ihrem Papier folgende Aspekte für die Gestalt eines grünen Bürgerhaushalt zur Diskussion:

Bürgerschaftliches Empowerment: Bürgerhaushalt ist als ein Prozess zur Stärkung einer eigenständigen Bürgerschaft zu sehen. Bürger/innen sollen durch Partizipation real an Einfluss gewinnen, wozu konkrete Mittel zur Verfügung gestellt werden müssen. Dabei sollen die „Beschlüsse“ dem unmittelbaren Umfeld dienen. Das heißt Projekte, die dem eigenen Quartier zu Gute kommen und die Lebensqualität dort verbessern.

Diskussion zentraler Fragen: Wir möchten das demokratische Engagement von Bürgern/Bürgerinnen fördern. Dies erfordert, dass Bürgerbeteiligung auch die großen Fragen der Bezirks‑/Stadtpolitik aufgreift. Ein unverbindlicher Prozess, der nur kleinteilige Änderung ermöglicht, genügt nicht, um Menschen ausreichend zu motivieren, sich im politischen System jenseits von Parteien dauerhaft zu engagieren

Unterstützung grüner Themen: Die Beteiligung sollte auch Projekte unterstützen, für die sich die Grünen engagieren. Dies bedeutet aber nicht eine Instrumentalisierung und Entmündigung. Vielmehr ist es uns wichtig, dass ökologische oder Gender-Fragen auf der Tagesordnung des Partizipationsprozesses stehen und dass Verwaltung und Rat alternative Handlungsoptionen angeboten werden können.

Modernisierung und Partizipation: Eine solche Kopplung scheint notwendig zu sein, da das eine nicht ohne das andere wirksam sein kann. Denn ein Bürgerhaushalt macht nur Sinn, wenn die Verwaltung übersichtlich strukturiert und ihre Leistung transparent und damit kontrollierbar ist. Auf der anderen Seite könnte Partizipation Druck hinsichtlich einer Optimierung von Leistungen und einer Reform der Binnenstruktur ausüben und damit die Dominanz neoliberaler Modernisierungsansätze brechen.

An verschiedenen europäischen Beispielen unter anderem der Berliner Bezirks-Bürgerhaushalte beschreiben die Autoren das Rahmenkonzept Bürgerhaushalt und seine Variationen. Im lezten Kapitel werden Werkzeuge für eine Mobilisierung von Teilnehmern an Partizipationsverfahren vorgestellt.

Beruhend auf einer europaweiten Vergleichsstudie (von Sintomer/Herzberg/Röcke 2008) benennen die Autoren eine Typologie, in der sechs Bürgerhaushalt-Idealverfahren beschrieben werden die innerhalb Europas Anwendung finden:

Konsultation über öffentliche Finanzen: Die deutschen Beispiele teilen mit diesem Verfahren, dass es vorrangig um eine Befragung zu Themen des Gesamthaushalts geht.

Bürgernahe Partizipation: Ziel dieses Verfahrens ist es, sowohl den Kontakt zwischen Bürgern auf der einen und Politik/Verwaltung auf der anderen Seite zu verbessern, als auch Verbesserungen für den Stadtteil zu erreichen. Bei diesem Konzept sind die Bürger/-innen weiterhin von der Verwaltung abhängig, die Beteiligung hat vorwiegend einen konsultativen Charakter (z.B. angewendet in Frankreich).

Porto Alegre in Europa: Vor allem in Spanien und Italien lehnen sich Kommunen an dieses Beispiel an, bei dem es darum geht, wie beim brasilianischen Vorbild Investitionsprojekte zu hierarchisieren und Gelder nach Vergabekriterien zu verteilen. Auch wenn formal der Stadtrat weiterhin das letzte Wort hat, ist die Verbindlichkeit zur Umsetzung der Vorschläge sehr hoch.

Partizipation organisierter Interessen: Ist ein Bürgerhaushalt, der sich exklusiv an Vereine, Verbände und Initiativen richtet; der einzelne Bürger/die einzelne Bürgerin ist nur am Rande beteiligt und verfügt über kein Stimmrecht.

Gemeinwesenfonds auf Quartiers‑ und Stadtebene: Haben wie der Bürgerhaushalt von Porto Alegre soziale Ziele im Fokus. Im Vordergrund steht die Quartiersentwicklung. Das Besondere ist, dass die Teilnehmer einen Fonds selbst verwalten und die Durchführung von Projekten übernehmen. Ähnlich wie beim Community Development in den USA und in Großbritannien kommt das Geld zum größten Teil aus nationalen und internationalen Programmen.

Privat‑öffentlicher Verhandlungstisch: Auch hier gibt es einen Fonds, er wird in diesem Fall aus Geldern der Wirtschaft und der öffentlichen Hand genährt.

Das vollständige Diskussionspapier als PDF zum Download >>>

[mehr]

 

Transparenter Haushalt in den USA: The Interactive Federal Budget Project

Ein Projekt der Lyndon B. Johnson School of Public Affairs in Austin, Texas, möchte durch einen transparenten Staatshaushalt die Politikverdrossenheit der US-Bürger mindern:

The U.S. federal government can promote civic engagement and ensure accountability by becoming a dependable source of public, usable information. Transparency projects can facilitate „consumer confidence“ in government, and interoperability standards, combined with the ease of online research, can promote efficiency in government operations.

In dem Projekt geht es darum, Informationen über den Staatshaushalt der USA im Internet nicht nur zu veröffentlichen, sondern auch verständlich aufzubereiten und darüber in einen Dialog mit den Bürgern zu treten. Das bereits vorhandene „E-Budget“, das Haushaltsinformationen bereit stellt, soll nun informativer und interaktiver gestaltet werden:

Currently, the Office of Management and Budget (OMB) provides Presidential budget data online in PDF, XLS, CSV, and HTML formats. These formats make it difficult for users to extract, sort, mine, and tag data according to their interests. Although the „E-Budget“ introduced by OMB in 2008 is an important step, we want to make the Presidential budget not only Web-accessible, but also as interactive and informative as possible.

Mehr Informationen zum Projekt sind bislang noch nicht online. Auf der Seite der Lyndon B. Johnson School of Public Affairs ist eine 14-minütige Präsentation mit den Zielen des Projekts abrufbar. Mal sehen, was tatsächlich davon verwirklicht werden wird.

Zur Seite des The Interactive Federal Budget Project mit einer Präsentation zum Project >>>

[mehr]

 

Statusbericht: Bürgerhaushalte in Deutschland (Dezember 2008)

Seit Juni 2007 beobachtet und dokumentiert die Plattform http://www.Buergerhaushalt.de der Bundeszentrale für Politische Bildung und der Servicestelle Kommunen in der Einen Welt die Entwicklung von Partizipationsverfahren am kommunalen Haushalt deutschlandweit. In diesem Zeitraum ist die Zahl der Städte und Gemeinden, die ihre Bürgerinnen und Bürger an der Haushaltsplanung beteiligen, stetig gewachsen. Allein im Zeitraum August bis November 2008 wurden 22 neue Gemeinden auf die Plattform der Bürgerhaushalte in Deutschland aufgenommen. Auch der Kreis derer, die sich zum Thema Bürgerhaushalt über Buergerhaushalt.de informieren wird beständig größer. So verzeichnete das Informationsportal Buergerhaushalt.de im Monat November 2007 3959 Besuche und 12142 Seitenaufrufe von 1708 verschiedenen Nutzern. Im Monat November 2008 waren es bereits 4647 Nutzer, die die Plattform 11887 mal besuchten und im Schnitt vier Seiten aufriefen (insgesamt: 44596 mal).

Aktuelle Zahlen

67 Kommunen sind inzwischen in der Karte (http://www.buergerhaushalt.de/karte) der Bürgerhaushalts-Kommunen verzeichnet, die sich ganz konkret mit dem Bürgerhaushalt beschäftigen:

In 13 Kommunen, darunter z.B. Mainz und Bremen, wird die Einführung eines Bürgerhaushalts derzeit diskutiert. Diese Kommunen haben in der Karte den Status „D“ erhalten. „D“ = Diskussion: Die Einführung eines Bürgerhaushaltes wird in der Kommune diskutiert. Der Bürgerhaushalt wird z.B. von einer Partei oder einer nicht-staatlichen Organisation eingefordert. Die Einführung ist oft umstritten. Ein Ratsbeschluss zur Einführung liegt nicht vor.

Sechs Kommunen haben den Status „A“ erhalten. Die meisten von ihnen hatten bereits einen Bürgerhaushalt oder waren dabei ihn einzuführen, das Verfahren wurde nicht mehr weitergeführt oder ruht auf unbestimmte Zeit. Dazu gehört zum Beispiel die Stadt Esslingen (Neckar) oder auch die NRW-Modellstadt Hamm. „A“ = Abstellgleis: Der Bürgerhaushalt oder Vorformen, wie z.B. Bürgerinformationsveranstaltungen, werden nicht mehr durchgeführt. Die Einführung oder Fortführung des Bürgerhaushaltes wurde abgebrochen oder war nicht vorgesehen.

48 Kommunen arbeiten momentan aktiv mit einem Bürgerhaushalt. Sie sind in der Karte mit den Status „B“, „I“, „E“ oder „F“ verzeichnet:

In den vier Kommunen Chemnitz, Kirchanschöring, Wiesbaden und Oldenburg wurde die Einführung eines Bürgerhaushalts beschlossen. In der Karte wurde der Status „B“ vergeben. „B“ = Beschluss: Die Einführung eines Bürgerhaushaltes wurde durch den Rat (im besten Fall: einstimmig) beschlossen. Ein Ratsbeschluss liegt vor.

Bei zehn weiteren Kommunen, darunter Moers, Eisenach und Rostock wurde der Status „I“ vergeben, hier wird bereits über den Haushalt informiert, ein sogenannter Lesbarer Haushalt liegt vor. „I“ = Information: die Bürgerbeteiligung befindet sich (oder verharrt) auf der 1. Stufe: Die Bürgerinnen und Bürger werden über den Haushalt und die Haushaltsplanungen informiert, z.B. mittels Broschüren oder Informationsveranstaltungen. Eine Konsultation ist (noch oder dauerhaft) nicht oder nur in Ansätzen vorgesehen. Diese Städte informieren ihre Bürger bereits über den Haushalt, was oftmals der erste Schritt auf dem Weg zu einem Bürgerhaushalt ist.

23 Städte und Gemeinden in Deutschland haben einen Bürgerhaushalt eingeführt. Unter anderem Köln, Freiburg, Jena und kleinere Gemeinden wie Friedewald in Osthessen oder Großbreitenbach im Ilm-Kreis in Thüringen befragen ihre Bürger zum Haushalt. Sie sind auf der Karte mit dem Status „E“ verzeichnet. „E“ = Einführung: Der Bürgerhaushalt wird zum 1. oder 2. Mal durchgeführt. Die Öffentlichkeit wird nicht nur über den Haushalt Informiert (z.B. durch eine Broschüre), sondern auch konsultiert: Sie hat die Möglichkeit, Verwaltungsvorschläge zu bewerten und/oder eigene Vorschläge einzubringen, zu diskutieren und zu bewerten. Darüber hinaus ist eine Rückmeldung darüber vorgesehen (Rechenschaft), ob und wie die Bürgervorschläge berücksichtigt wurden.

Zehn Kommunen haben den Status „F“ erhalten. Zum Beispiel in Hilden und im Berliner Stadtbezirk Lichtenberg ist der Bürgerhaushalt inzwischen ein etabliertes Instrument bei der Haushaltsplanung und wird jährlich durchgeführt. „F“ = Fortführung: Der Bürgerhaushalt wird zum dritten Mal oder häufiger durchgeführt. Es zeichnet sich (erst jetzt) ab, dass die Beteiligung der Bürger ein fester und dauerhafter Bestandteil des Haushaltsplanungsverfahrens werden könnte/wird.

Die Grafik zu den neu aufgenommen Bürgerhaushalten im Zeitraum November 2007 bis November 2008 zeigt, das besonders in der zweiten Jahreshälfte 2008 einige neue Kommunen auf die Plattform aufgenommen wurden (zum Vergrößern auf die Grafik klicken):

neu-aufg-kommunen_2.jpg

Die folgende Tabelle zeigt die aktuelle Verteilung zu jedem Status im Überblick:

tabelle-status-2.jpg

Folgende Kommunen sind auf der Karte zu den jeweiligen Status eingetragen:

Ⅾ: Bochum, Bremen, Ganderkesee, Isny, Jüterbog, Kiel, Landkreis Nordhausen, Ludwigshafen, Mainz, Schorndorf, Solingen, Wuppertal, Zülpich

B: Chemnitz, Kirchanschöring, Wiesbaden, Oldenburg

Ⅰ: Borkheide, Duisburg, Eisenach, Heiligenstadt, Moers, Neuss, Rostock, Salzgitter, Wenden, Wölfersheim

E: Bad Wildungen, Bad Hersfeld, Bannewitz, Bergheim, Bergisch Gladbach, Berlin Friedrichshain-Kreuzberg, Berlin Neukölln, Berlin Spandau, Berlin Tempelhof-Schöneberg, Berlin Treptow-Köpenick, Diepholz, Erfurt, Freiburg, Friedewald, Großbreitenbach, Halle (Saale), Hamburg, Jena, Köln, Leipzig, Much, Plettenberg, Westhausen, Wolgast

F: Berlin Charlottenburg-Wilmersdorf, Berlin Lichtenberg, Berlin Marzahn-Hellersdorf, Bonn, Emsdetten, Groß-Umstadt, Hilden, Landau, Potsdam, Rheinstetten

A: Castrop-Rauxel, Esslingen, Hamm, Monheim, Neustadt, Vlotho

Die Grafik zeigt die Anzahl der eingetragenen Kommunen pro Status:

bhh-status-0312_2.jpg

Die beiden letzten Grafiken zeigen die Anzahl der Status von allen Bürgerhaushalt-Kommunen, die im jeweiligen Jahr erstmals auf die Plattform Buergerhaushalt.de aufgenommen wurden. Bei einigen Kommunen hat sich der Status in der Zwischenzeit geändert. In diesen Grafiken ist der Status zum jetzigen Zeitpunkt verzeichnet und nicht der Status zum Zeitpunkt der Aufnahme auf die Plattform.

aufg-bhh-2007.jpg

aufg-bhh-2008.jpg

Hier finden Sie den Statusbericht zum Download als Pdf-Dokument >>>

[mehr]

 

Haushalt 2.0: Bürgerhaushalt und neue Medien

In dem von Franz-Reinhard Habbel und Andreas Huber herausgegebenen Sammelband „Web 2.0 für Kommunen und Kommunalpolitik. Neue Formen der Öffentlichkeit und der Zusammenarbeit von Politik, Wirtschaft, Verwaltung und Bürger“ sind auch zwei Beiträge zum Thema Bürgerhaushalt und neue Medien unter dem „Haushalt 2.0“ erschienen. Dabei werden in den beiden Beiträgen die Bürgerhaushalte in Freiburg, Hamburg und Köln näher beleuchtet:

Haushaltsplanung 2.0 — E-Partizipation über Bürgerhaushalte
Oliver Märker und Josef Wehner
Die Entwicklung des Internets hin zu interaktiven und gemeinschaftsfördernden Funktionen lässt sich politisch als Chance einer erweiterten Einbeziehung der Bürgerschaft in Belange der Politik begreifen. Unter den derzeit kommunal praktizierten Beteiligungsverfahren haben diejenigen zur Haushaltsplanung eine herausragende Bedeutung. Dabei müssen sich nicht nur die Bürger beteiligen. Auch die Verwaltungen sind entsprechend gefordert. In Köln hat sich die Ausgangsidee bewährt, ein Verfahren zu konzeptualisieren, dass den Bürger vorrangig als Ideen‑ und Vorschlagsgeber zur Wirkung kommen lässt.
Zum Online-Beitrag >>>

Haushaltsplanung 2.0 — Symbolische Politik oder echte Mitbestimmung?
Maren Lübcke und Rolf Lührs
Immer mehr Kommunen binden die Bürger in die Haushaltsplanung aktiv ein und nutzen dafür auch das Internet: Aktuelle Beispiele sind Potsdam oder Köln. Mit Hamburg und Freiburg haben zwei deutsche Großstädte gezeigt, dass Web-2.0-Ansätze erfolgreich zur bürgernahen Haushaltsdiskussion eingesetzt werden können. Auch für kleinere Kommunen lohnt es sich, die Möglichkeiten des Internets für die aktive Beteiligung der Bürger zu nutzen.
Zum Online-Beitrag >>>

Quellenangaben:
Märker, Oliver und Josef Wehner (2008): „Haushaltsplanung 2.0 — E-Partizipation über Bürgerhaushalte.“ S. 63–70 in Web 2.0 für Kommunen und Kommunalpolitik. Neue Formen der Öffentlichkeit und der Zusammenarbeit von Politik, Wirtschaft, Verwaltung und Bürger, Hrsg: Franz-Reinhard Habbel und Andreas Huber. Boizenburg: vwh-verlag.

Lübcke, Maren und Rolf Lührs (2008): „Haushaltsplanung 2.0 — Symbolische Politik oder echte Mitbestimmung?“ S. 71–78 in Web 2.0 für Kommunen und Kommunalpolitik. Neue Formen der Öffentlichkeit und der Zusammenarbeit von Politik, Wirtschaft, Verwaltung und Bürger, Hrsg: Franz-Reinhard Habbel und Andreas Huber. Boizenburg: vwh-verlag.

Weitere Infos zum Sammelband Web 2.0 für Kommunen und Kommunalpolitik >>>

Weitere Veröffentlichungen zum Thema Bürgerhaushalt aus dem Jahren 2007 und 2008 sind hier zusammengestellt:
http://www.buergerhaushalt.org/neuigkeiten/lesestoff-veroeffentlichungen-zum-thema-buergerhaushalt-2007–2008/

[mehr]

 

Bürgerhaushalte in Deutschland – Anfänge und Ansatzpunkte

Über Bürgerhaushalt in Deutschland und Thüringen berichtet Josef AHLKE, Stadtentwicklungsamt und Lokale Agenda der Stadt Erfurt. In Erfurt wurde 2008 erstmals ein Bürgerbeteiligungshaushalt eingeführt.

Diesen Beitrag als PDF herunterladen >>>


Bürgerhaushalte in Deutschland – Anfänge und Ansatzpunkte

Der Bürgerhaushalt entwickelt sich in Deutschland seit einigen Jahren zu einem dreigestuften Verfahren mit den Schritten Information, Konsultation und Rechenschaft. Auf den bundesweiten Netzwerktreffen der InWEnt (Internationale Weiterbildung und Entwicklung gGmbH) seit 2003 wird dies – ohne bewusste Formalisierung – angestrebt, um so bei Bürgern, Politik und Verwaltung zum einen nicht zu große und zum anderen auch falsche Erwartungen zu wecken. Hintergrund ist, dass in Kommunen auch die Verteilung von Informationsheften oder Faltblättern mit übersichtlichen Kurzinformationen als Bürgerhaushalt bezeichnet wurde, Bürgerinnen und Bürger in Veranstaltungen zu Haushaltsthemen informiert und auch Anregungen im Sinne einer Konsultation aufgenommen wurden. „Spielregeln“ wie diese in die Beratungen des Stadtrates einfließen und mit ihnen weiter verfahren wurde, waren häufig nicht klar definiert. Eine Rückinformation „Rechenschaft“ zu den Anregungen wann, was, wie, warum nicht, sie ganz, teilweise oder später realisiert werden konnten, fand und findet noch seltener statt.

In den Anfängen des Bürgerhaushaltes in Deutschland um die Jahrtausendwende waren es zunächst kleinere Kommunen, die das Konzept des Bürgerhaushaltes aufgriffen. Mit einem ersten kleinen Pilotnetzwerk des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen in Kooperation mit der Bertelsmannstiftung erprobten auch erste größere Städte das Instrument Bürgershaushalt. Seit dem von der Bundeszentrale für politische Bildung unter Beteiligung der Stiftungen der im Bundestag vertretenen Parteien durchgeführten Pilotprojekt „Bürgerhaushalt in Großstädten“ (Bundeszentrale für politische Bildung, 2005) hat die Zahl der Großstädte deutlich zugenommen, die ihre Bürger an der Haushaltsaufstellung beteiligen. Bis zum Jahr 2008 führten mehr als 30 Kommunen in Deutschland ihre jeweils eigene Variante des Bürgerhaushaltes durch. Wohl mehr als zwei dutzend Kommunen beschäftigen sich mit der Frage, ob sie einen Bürgerbeteiligungshaushalt einführen wollen. Mit der von der Inwent betreuten Webseite www.buergerhaushalt.de wurde 2007 ein gemeinsames Forum für die deutschen Kommunen eröffnet.

Ausgangspunkt sind oft lokale Agenda 21 Prozesse gewesen, wo der Bürgerhaushalt als fast logischer nächster Schritt der Entwicklung angesehen worden ist. Gleichzeitig spielt wohl häufig auch der Anknüpfungspunkt der Umstellung der kommunalen Rechnungs‑ und Steuerungssysteme in deutschen Kommunen eine bedeutende Rolle bei der Entscheidung zum Bürgerhaushalt. Diese Entwicklungsstränge zur Bürgerorientierung und –nähe und Effizienz/Wirtschaftlichkeit der öffentlichen Verwaltung und Ansätze der partizipativen Demokratie als Elemente zur Stärkung des etablierten deutschen Modells der repräsentativen Demokratie machen den Bürgerhaushalt zu einem ausgesprochen interessanten Ansatz. Die Komplexität des Bürgerhaushaltes sowie die sehr hohe Erwartungshaltung von Bürgerschaft, Politik und Verwaltung birgt allerdings, in größerem Maße als bei anderen Projekten z.B. der Lokalen Agenda 21, die Gefahr des Scheiterns in sich. Dies insbesondere dann, sollte der Umgang mit den Anregungen als Alibibeteiligung, als Öffentlichkeitsgag wahrgenommen werden oder gar parteipolitisch ausgenutzt werden. Dies war auch einer der Gründe in Erfurt in bewusst vorsichtigen überschaubaren ersten Schritten aus der Lokalen Agenda 21 heraus den Bürgerhaushalt wachsen zu lassen.

Dass diese Schrittfolge nicht nur für Erfurt oder Deutschland nahelag, zeigt wohl auch das internationale Programm zu Learning community – Local Agenda 21 & Participatory Budget (Kate 2006), hier lassen sich die Bezüge knapp und anschaulich sehr gut nachvollziehen. Einige deutsche Kommunen sehen im Bürgerhaushalt einen Baustein zur Entwicklung zur Bürgerkommune ; ein Konzept, in dem sich die Bürgerinnen und Bürger als Teilhaber am Gemeinwesen verstehen und in kontinuierlichen Beteiligungsprozessen die Möglichkeit haben, sich in Entscheidungen mit einzubringen und auch Verantwortung zu übernehmen (Bogumil 2003).


Bürgerhaushalt als Beratungsinstrument für Politik und Verwaltung

Die bisher verwendeten deutschen Begrifflichkeiten erläutern bereits eine zentrale Eigenheit der deutschen Bürgerhaushalte: Die Bürger werden informiert und konsultiert, und immer häufiger erfolgt auch die Rückinformation (Rechenschaft) was aus den Anregungen geworden ist. Hierzu werden transparente Spielregeln vereinbart, mit denen sich die gewählten Stadträte zu einer bestimmten Verfahrensweise selbst binden. Damit ist aber keinesfalls eine Abgabe oder „Diffusion von Entscheidungs-Rechten“ verbunden oder gewollt. Eine Tatsache, die – vielleicht aufgrund unklarer Information in Form von griffigen Slogans – (“Deine Stadt – Dein Geld“ oder „Denn schließlich ist es ihr Geld“ bis hin zu „Helfen Sie uns beim Geldausgeben“) nicht selten von der Bürgerschaft anders aufgefasst wird: Ich bestimme nun über den Haushalt mit. An diesem Punkt setzt eine der häufigsten Sorgen von Seiten der Politik ein, es könnte im Falle von Organisation, Pressure-groups und Lobbyismus eine Art Nebenparlament entstehen. Oder: Es kämen „die üblichen Verdächtigen“ und es bildet nicht alle gesellschaftlichen Schichten ab.

Inwieweit in dieser grundsätzlichen Begrenzung bzw. Ausrichtung des Bürgerhaushaltes als „Beratungsinstrument“ ein möglicher Stolperstein für einen umfassenden Erfolg des Bürgerhaushaltes sowohl in Hinsicht auf ein umfassendes Engagement auf Seiten der Bürger, aber auch in Hinsicht auf den Gedanken der Konsolidierung liegt ist in einigen Jahren zu prüfen. Ohne diese Begrenzung wären allerdings mit großer Wahrscheinlichkeit Bürgerhaushalte in Deutschland nicht eingeführt worden.

Die eingesetzten finanziellen Mittel (ohne Personalkosten) reichen von 300.000 EURO in Köln, 50.000 EURO in Potsdam (Ropertz 2008; Strotzer 2008) hin zu ca. 10.000 EURO der Thüringer Kommunen (ohne die Relation EURO Einwohner hier zu berücksichtigen). Künftig auszuwerten bleibt, inwieweit neben dem Einsatz des Geldes auch Fragen der Qualität der Öffentlichkeitsarbeit oder des Gesamtkonzeptes oder auch der gewachsenen Qualität von bürgerschaftlichem Engagement und Beteiligungsprozesse sich in der Anzahl an Anregungen niederschlagen. In Köln waren es im Jahr 2007 4.900 Anregungen, in anderen Städten weniger als 100 Anregungen.


Bürgerhaushalte in Thüringen

Thüringen ist eines der fünf neuen Bundesländer in Deutschland, das nach der politischen Wende neu gebildet wurde. Es hat ca. 2,3 Mio. Einwohner und unterstützt auf Anregung der Landeshauptstadt Erfurt als erstes deutsches Land ein Bürgerhaushaltsnetzwerk für Kommunen. Eine geringe finanzielle Förderung, aber auch die fachliche Begleitung durch das Thüringer Ministerium für Landwirtschaft, Naturschutz und Umwelt sind in Vertiefung der langjährigen Agenda 21 Zusammenarbeit von Land und Kommunen ein nächster konsequenter Schritt einer nachhaltigen Entwicklung gewesen. Das Thüringer Netzwerk wird auch von den Landesstiftungen der politischen Parteien unterstützt. Informations‑ und Weiterbildungsangebote werden bisher angeboten. Beabsichtigt ist auch die Zusammenarbeit mit den Hochschulen für begleitende Studien, insbesondere für die Evaluation und Weiterentwicklung der Beteiligungsinstrumente. Auch die Entwicklung und Vorbereitung von z.B. Konzepten für Kinder‑ und Jugendbürgerhaushalte in Verbindung mit Stadtteilhaushalten wären hier vorzudenken.

Bis Ende des Jahres 2007 haben die Kommunen Eisenach, Erfurt, Jena, Großbreitenbach, Suhl, Westhausen und der Landkreis Nordhausen Beschlüsse zum Bürgerhaushalt gefasst und schon zum Teil umgesetzt. Weitere Kommunen prüfen gerade die Einführung des Bürgerhaushaltes oder haben sich wie z.B. Heiligenstadt mit einer ersten Informationsbroschüre zum Haushalt für die Bürger dem Thema in einem ersten Schritt genähert.


Praxisnetzwerk in Thüringen und drei Ideen

Mit dem Thüringer Praxisnetzwerk verbinden sich drei Ideen, Zum ersten ganz einfach: wenn Jena es macht, hört Erfurt nicht auf – ein sportlicher Ansatz. Zum zweiten ist ein „bench learning“ der Kommunen miteinander unter den Thüringer Bedingungen angestrebt, um den Bürgerhaushalt dort weiter zu qualifizieren. Lassen sich zudem aus den Erfahrungen aller Kommunen verallgemeinerbare Ergebnisse ableiten, kann mit mehr Gewicht auf die Thüringer Landesregierung zugegangenen werden um künftig ggf. in Satzungen und Gesetzen auf diese Erfahrungen zu reagieren. Es können aber auch drittens kosteneffizient gemeinsame Infrastrukturen wie z.B. die Einführung einer E-Partizipationsplattform oder ein Grundgerüst von Evaluationskriterien erarbeitet werden.


Quellen

- Bertelsmann Stiftung (2004) Kommunaler Bürgerhaushalt: Ein Leitfaden für die Praxis). Gütersloh
 – Bogumil, Jörg; Holtkamp, Lars; Schwarz, Gudrun (2003) Das Reformmodell
 – Bürgerkommune – Leistungen-Grenzen-Perspektiven, Schriftenreihe Modernisierung des öffentlichen Sektors Bd. 22. Berlin
 – Bundeszentrale für politische Bildung (2005) Bürgerhaushalt in Großstädten. Bonn
– Kate-Stuttgart (2006) Learning Community – Local Agenda 21 & Participatory Budget – Approaches, Methods, and Instruments for qualified and successful Citizen Participation at the local Level. Stuttgart
 – Ropertz, Manfred, stellvertretender Kämmereiamtsleiter der Stadt Köln (2008) mündlich. Berlin
 – Strotzer, Sibylle, Landeshauptstadt Potsdam, Zentrale Steuerungsunterstützung, Bürgerhaushalt (2008) mündlich. Berlin

[mehr]

Seite 1 von 212»